Versandhandel: Das Smartphone als Zauberstab

21. April 2015, 09:43
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80 Prozent des Versandgeschäfts von Otto läuft online

Wien - "Der 1400 Seiten dicke Otto-Katalog ist wie ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert." Harald Gutschi, Chef der Versandhausgruppe Unito in Österreich, wiegt ihn schwer in den Händen und klingt kein bisschen wehmütig, wenn er von einstigen Auflagen von rund 1,4 Millionen Stück spricht. Sechs Jahre ist es her, dass sein Konzern 330 Millionen Euro damit umsetzte. Heute sind es nicht einmal mehr 60 Millionen, die mit Hilfe der maximal 80-seitigen Broschüren erzielt werden.

Große Bilder sollen Trends zeigen, die Produktinfos sind knapp gehalten. Der Katalog diene nur noch dazu, das Onlinegeschäft zu befeuern, sagt Gutschi. Unito mit Vertriebslinien wie Otto, Universal und Quelle verbuchte 2014/15 via Web 273 Millionen Euro, ein Zuwachs von 13 Prozent. Damit laufen 83 Prozent des Geschäfts übers Internet. Unito sieht folglich die Transformation in Österreich vom kataloggetriebenen Versender zu einem Onlinehändler als beendet.

Krise im Osten

International drohen der Hamburger Otto-Group erstmals in ihrer Geschichte Verluste. Die Krise in Russland und der Ukraine ließen den Absatz im dortigen Markt einbrechen, in Frankreich gilt es eine Tochter zu sanieren, hohe Investitionen kosten Kraft, einzelne Vertriebstöchter wie Schwab und Sportscheck ließen aus. In Summe erlaubte dies allein ein Wachstum von einem halben Prozent.

In Österreich spricht der Konzern von Umsatzrenditen von vier Prozent und Rekorderlös. Die gedämpfte Konjunktur sei spürbar, sagt Gutschi, er rechnet heuer aber dennoch mit drei bis fünf Prozent mehr Absatz. Der Motor seien Bestellungen über Smartphones und Tablets. 80 Prozent des Geschäfts werden in zwei Jahren über mobile Endgeräte laufen, ist sich Gut- schi sicher und nennt das Smartphone einen Zauberstab.

Kleiderschrank schlägt Alarm

Seine Fantasie beflügeln zudem smarte Gegenstände, die den PC ersetzen: Gutschi sieht intelligente Kleiderschränke, die bei Figuränderung Alarm schlagen, das Geschäft ankurbeln, erzählt von klugen Waschmaschinen, die angesichts fusselnder Socken neue bestellen und von Kaffeemaschinen, die sich selbst Entkalker und Kapseln organisieren. In ein paar Jahren, prognostiziert er, werde es beim Shoppen über Laptops auch das haptische Erlebnis geben.

Am meisten eingekauft wird bei Otto & Co online an Sonntagen, am wenigsten an Samstagen. Größter Rivale ist Amazon, der den Webhandel weltweit vor Otto anführt.

Faire Rahmenbedingungen

Anders als Amazon, der sich als Logistiker sieht, bezahlt Otto in Deutschland Mitarbeiter nach den besseren Konditionen des Einzelhandels. Es sei im Sinn fairer Rahmenbedingungen Zeit für Appelle an die Politik, sagt Achim Güllmann, Unito-Chef: Steuerschlupflöcher für multinationale Konzerne gehörten geschlossen. (vk, DER STANDARD, 16.4.2015)

  • In zwei Jahren wird die Mehrheit der Versandhauskunden über Smartphones und Tablets bestellen, erwartet man beim Versandhändler.
    foto: dapd/timur emek

    In zwei Jahren wird die Mehrheit der Versandhauskunden über Smartphones und Tablets bestellen, erwartet man beim Versandhändler.

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