Armenier: Das genau dokumentierte Massaker

Kommentar der anderen15. April 2015, 17:29
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In türkischen Archiven ist der Völkermord an den Armeniern von 1915 detailliert protokolliert. Nach dem Krieg gab es Prozesse gegen die Verantwortlichen und Todesurteile. Erst als die Jungtürken die Reste des Osmanischen Reiches übernahmen, änderten sie die Linie

Seit meiner studentischen Lektüre von Franz Werfels "Die 40 Tage des Musa Dagh" bewegen mich die Ereignisse in der modernen Türkei, wo die revolutionären "Jungtürken" der Ideologie huldigen, nur ein moderner Nationalstaat, ohne ethnische Minderheiten, könne in der Moderne bestehen und militärisch siegen. Deswegen der Versuch der Ausrottung der Armenier.

In der Tat begann das Osmanische Reich, 1683 vor Wien militärisch gescheitert, in der Folge territorial zu schrumpfen, ein Vorgang, der sich im späten 19. Jahrhundert auf dem Balkan fortsetzte und 1911 mit der Eroberung Libyens durch die Italiener einen Tiefpunkt erreichte.

Der Erste Weltkrieg bot dem jungtürkisch durchsäuerten Osmanischen Reich die Chance, aufseiten Deutschlands und Österreichs den Niedergang aufzuhalten und in eine Erneuerung umzusetzen.

Als Probe aufs Exempel initiierte Kriegsminister Enver Pasa 1914 den Winterfeldzug im Kaukasus gegen die Russen, um das im 19. Jahrhundert verlorene Kaukasus-Terrain zurückzuholen.

Aufmarschgebiet war das armenische Ostanatolien. Da christliche Armenier in Teilen in den russischen Reihen kämpften, wuchs ein großes Misstrauen. Als die türkische Offensive im tiefwinterlichen Kauka- sus elend scheiterte – von den rund 100.000 Soldaten der osmanischen 3. Armee kehrten nur 18.000 Überlebende zurück –, glaubten die Jungtürken zu ihrer eigenen "Endlösung" berechtigt zu sein.

Das Gesetz zur Deportation vom 27. Mai 1915 schuf sogar einen gesetzlichen Rahmen für die bereits angelaufenen Vertreibungen (die auch Griechen oder christliche Araber trafen): Armenische Führungspersönlichkeiten wurden gehängt, Männer erschlagen, Frauen und Kinder in monatelangen Wüstenmärschen dezimiert.

Barbarische Grausamkeiten geschahen. Ein armenischer Priester, Grigoris Balakian, als Zwangsarbeiter untergetaucht, konnte viele der Schrecken als Augen- und Ohrenzeuge beobachten. (Armenian Golgotha: A Memoir of the Armenian Genocide, 1915-1918, publiziert nach dem Krieg in London und New York).

Niederlage trotz Gallipoli

Obschon die Türkei 1915 bei den Dardanellen unweit von Gallipoli dem britisch-australischen Expeditionskorps eine blutige Niederlage beibrachten (was dem jungen Churchill den Posten als Marineminister kostete), ging das Osmanische Reich im Gefolge der Niederlage der Mittelmächte unter. Briten, Franzosen, Griechen und Italiener zogen als Sieger in Konstantinopel ein.

Da von den Alliierten in den Entwürfen für einen drakonischen Friedensvertrag auch die Debatte über die Verbrechen an den Armeniern gefordert wurde, setzten sich die Verantwortlichen des Massakers vorsichtigerweise nach Berlin ab.

Indes, im osmanischen Parlament sowie in der türkischen Presse kam 1919/20 alles zur Sprache. Die armenische Opferzahl – zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Ermordeten – stammt von dort. Sämtliche Erörterungen in den dafür zuständigen Militärtribunalen wurden in osmanischem Türkisch – also im arabischen Alphabet – festgehalten und liegen in türkischen Archiven. 300 türkische Generäle und Offiziere ereilte im Zuge der Vernehmungen die Festnahme. Es fielen 18 Todesurteile, wenn auch meist in absentia, weil die wirklichen Drahtzieher – Mehmet Talat, Enver Pasa und Cemal Pasa – in Berlin ausharrten. Gehängt wurden lediglich drei der Verantwortlichen aus der niedrigeren Befehlshierarchie.

Junge Armenier ließ das nicht ruhen. Im Berlin der Jahre 1921/22 erschossen Racheattentäter mehrere der dort exilierten jungtürkischen Führer.

Wie auch immer: Alle diese Materialien verstaubten schließlich in den Archiven, denn Mustafa Kemal Pasa, der Held der türkischen Abwehrschlacht von Gallipoli, begann als "Atatürk" 1923 die nationalistische Wiedergeburt einer homogenen Türkei, in der nach und nach weitgehend alle Minderheiten verschwanden. Für das Armenier-Massaker im Osmanischen Reich fühlte man sich einfach nicht verantwortlich. (Gerhard Drekonja-Kornat, DER STANDARD, 16.4.2015)

Gerhard Drekonja-Kornat (Jahrgang 1939) ist Emeritus auf dem (seit 2007 vakanten) Lehrstuhl für außereuropäische Geschichte der Universität Wien. Literaturempfehlung: Eugene Rogan, "The Fall of the Ottomans. The Great War in the Middle East, 1914-1920".

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