Putin-Versteher, kalte Krieger

Kolumne15. April 2015, 17:32
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Während die meisten Regierungen und Zeitungen Russlands Vorgehen verurteilen, wird in sozialen Medien viel Verständnis dafür geäußert

Sind Sie Putin-Versteher? Oder sind Sie kalter Krieger? Soll der Westen dem russischen Präsidenten entgegenkommen oder ihm hart widersprechen? Soll die Ukraine Waffen bekommen oder nicht? Sind Sanktionen sinnvoll? Hat die EU recht, wenn sie unermüdlich das Gespräch mit dem Moskauer Regenten sucht, oder hat sie in Wahrheit innerlich schon kapituliert? Längst sind diese Fragen nicht mehr nur Gesprächsgegenstand bei Diplomaten und Journalisten, sondern werden auch von normalen Bürgern heiß diskutiert.

Dabei zeigt sich ein seltsamer Widerspruch. Während die meisten Regierungen in der EU und die meisten großen Zeitungen das russische Vorgehen verurteilen, wird in sozialen Medien und Leserbriefen viel Verständnis dafür geäußert. Und oft liest man dort auch: Die Amerikaner sind schuld. Warum mischen sie sich auch ein? Und gar so demokratisch geht es bei ihnen auch nicht zu. Guantánamo! Die Schwarzen! Offiziell sind es die extreme Rechte und die extreme Linke, die diese Linie vertreten, aber sie hat auch viele Sympathisanten unter sogenannten einfachen Leuten.

Woher kommt dieser unterschwellige Antiamerikanismus? Europäisches Selbstbewusstsein? Oder unbewusstes Relikt aus der Nazizeit, als das Klischee von den kulturlosen Amerikanern en vogue war? Nehmen wir den Amerikanern ihre Überheblichkeit übel oder ihre Liberalität?

In Sachen Ukraine hat das Verständnis für Putins Politik auch damit zu tun, dass dieses große Land in unseren Breiten noch nicht wirklich als eigener Staat wahrgenommen wird. Österreich ist 1945 von der Zweiten Ukrainischen Front befreit (oder erobert) worden, aber für die Österreicher waren die sowjetischen Soldaten "die Russen". In unseren Köpfen ist Czernowitz noch immer österreichisch, Lemberg polnisch und Charkiw russisch. Es hat der Ereignisse auf dem Maidan bedurft, damit wenigstens einigen der westlichen Zeitungsleser die eigene ukrainische Identität aufgedämmert und die Tatsache bewusst geworden ist, dass es sich bei dem russischen Eingreifen um eine Aggression und nicht um eine Heimholung gehandelt hat.

Das offizielle Österreich hat sich bei dieser Kontroverse bisher einigermaßen zurückgehalten. Wir haben den Sanktionen gegen Russland zugestimmt, aber den russischen Präsidenten bei seinem letzten Besuch in Wien in peinlicher Weise hofiert. Die Standing Ovations für den Gast in der Wirtschaftskammer haben bei vielen Zuschauern Fremdschämen ausgelöst.

Demnächst wird die Kluft zwischen Russland und dem Westen sehr deutlich sichtbar werden. Am 9. Mai wird in Moskau feierlich des Kriegsendes und des Sieges über Nazideutschland gedacht, wobei aller Voraussicht nach die Veranstalter eine Parallele zwischen diesem und dem Widerstand gegen die "faschistische Junta" in Kiew ziehen dürften. Gerhard Schröder und Milos Zeman haben ihre Teilnahme zugesagt. Die westlichen Staatsoberhäupter inklusive Heinz Fischer kommen nicht. Auch hier sind Assoziationen zur Gegenwart möglich.

Keine Meinung haben, sich heraushalten, neutral bleiben - das ist eine Haltung, die immer schwerer wird. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 16.4.2015)

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