Neue Hutmacher für altes Gewerbe

18. April 2015, 09:00
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Ein Industriezweig ist leise gestorben. Kleine Familienbetriebe und eine Handvoll junger Modisten zeigen trotz billiger Konkurrenz aus Asien Mut zum Hut

Die alte Maschine surrt wie eine hungrige Hummel. Jessica Lopez näht behände die schmale sandfarbene Strohborte zu einem immer größer werdenden Kreis zusammen. Später wird sie den daraus entstehenden Hut in ihrem kleinen Atelier Verhutung am Wiener Alsergrund noch unter Hitze und Druck in seine endgültige Form bringen, ihn mit einem Innenband versehen und mit bunten Accessoires garnieren.

Zahl der Hutmacher geschrumpft

Lopez ist Modistin. Und Hutmacherin. Von der Berufsausbildung her wird da heute kein Unterschied mehr gemacht. Mangels Masse. In den Listen der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) finden sich nur mehr 26 Hutmacher und 37 Modisten (Doppelmeldungen möglich). Vor Jahrzehnten sah das ganz anders aus: 1950 gab es noch 483 Hutmacher- und 1204 Modistenbetriebe, die 5212 Menschen beschäftigten.

Das geht aus dem Innungshandbuch von 1951 hervor, das der jungen Modistin ein guter Freund geschenkt hat. "Da ist ein ganzer Industriezweig weggestorben, und keiner hat's gemerkt", bedauert Lopez. Ebenfalls unter den Betroffenen: 151 Strohhuterzeuger und eine unbekannte Zahl an Herstellern von Rohmaterial wie Wolle und Hasenhaar.

Haubenstricken als Hobby

"Früher war es sicher besser", seufzt auch Franz Bittner, Chef der gleichnamigen traditionsreichen Bad Ischler Hutmanufaktur und Sprecher des Gewerbes bei der WKÖ. "In Österreich hatten wir einst eine sehr starke Hutmacherindustrie." Warum dem nicht so mehr so ist? Zum einen seien Hüte, einst schmucker Teil der Bekleidung, im Laufe der Zeit zur reinen Kopfbedeckung mutiert, Haubenstricken sei zum Hobby geworden. "Wir spüren zudem die Globalisierung gewaltig." Ganz unschuldig sei seine Branche aber nicht an ihrer Lage, gibt Bittner zu. "Vor Jahrzehnten wurde viel ausgelagert, in den Osten", sagt der Hutmacher. Wenig später stülpte die Billigkonkurrenz aus China den Menschen weltweit ihre Hüte über.

"Heute gibt es in Österreich nur noch zwei unserer Größe", resümiert Bittner, "außer uns gibt es noch den Zapf in Werfen." In Bittners Betrieb, seit 1862 in Familienhand, fertigen und verkaufen 13 Beschäftigte 15.000 bis 20.000 Trachtenhüte pro Jahr in Handarbeit. Daneben produzieren und verkaufen in Österreich noch etwa zehn Firmen in der Größe der Wiener Hutmanufaktur Mühlbauer eigene Kreationen. Der Rest seien kleine Gewerbetreibende mit Geschäft und Werkstätte wie etwa Held in Innsbruck.

Trachten- und Musikvereine

Zu den am meisten behüteten Menschen hierzulande, und damit zu besten Kunden der großen Hersteller, zählen die Mitglieder der vielen österreichischen Trachten- und Musikvereine. Allerdings: "So ein Hut hält sehr lange, bei Vereinen dauert es fünf bis 15 Jahre, bis sie wieder neue bestellen", gibt Bittner zu bedenken. Die Hälfte seiner Ware geht ins Ausland, nach Italien, Frankreich, Spanien, in die Schweiz, nach England, Amerika, Japan oder Korea.

Doch auch wenn es in Österreich keine als Vorbild fungierende Oberhäupter mit (angeblich) 5000 verschiedenen Kopfbedeckungen wie Queen Elizabeth gibt, wisse ein wachsender Kreis an Menschen auch hier: Ein Hut schützt, wärmt oder kühlt nicht nur, "sondern kann auch die Persönlichkeit seiner Trägerin oder seines Trägers unterstreichen", wie Modistin Lopez es formuliert.

Modeschule Hetzendorf

Sie gehört zu jener Handvoll junger Modisten, denen die Liebe zum Hut in den vergangenen Jahren den Mut zur Selbstständigkeit gab. Nach ihrer Ausbildung an der Modeschule Hetzendorf führte die heute 32-Jährige der Umweg über ein Publizistikstudium und der Hinweis von Freunden, dass eine Modistin ihre Werkstätte abzugeben hätte, im Jahr 2011 zu dem kleinen Laden in der Sechsschimmelgasse im neunten Wiener Gemeindebezirk. "Ein absoluter Glücksfall", erzählt sie mit strahlendem Gesicht. Die wichtigsten Arbeitsgeräte - und auch einige Stammkunden - waren für den Start schon vorhanden.

Vier Wochen Geduld

Auf dem drei mal zwei Meter großen Arbeitstisch im Hinterzimmer ihres Ateliers arbeitet sie derzeit parallel an einem champagnerfarbenen Seidenhut, einem Fascinator, einem Haarkranz mit Seidenblumen, einem Filzhut und mehreren kleinen Haargestecken. Zu ihren Kundinnen zählen viele Bräute und "Menschen, die das Besondere suchen". Wer sich mit einer von Lopez' Kopfbedeckungen schmücken möchte, braucht ein wenig Geduld. Mit Vorbesprechung, Maßnehmen, Materialbestellung und Anproben dauert die Fertigung eines Hutes (Kostenpunkt: ab 150 Euro aufwärts) vier bis fünf Wochen. Auch wenn sie einen Onlineshop führt, ist sie kein Fan des Internetverkaufs. "Ein Hut muss passen", betont sie. "Wenn der Wind reinfährt, soll er nicht gleich abzischen." (Karin Tzschentke, derStandard, 15.4.2015)

  • England ist nicht zuletzt dank des Pferderennens Royal Ascot ein Dorado für Hutmacher. In Österreich schrumpfte ihre Zahl seit den 1950er-Jahren von knapp 500 auf wenige Dutzend.
    foto: suzanne plankett

    England ist nicht zuletzt dank des Pferderennens Royal Ascot ein Dorado für Hutmacher. In Österreich schrumpfte ihre Zahl seit den 1950er-Jahren von knapp 500 auf wenige Dutzend.

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