Paris will Fahrradhauptstadt werden

16. April 2015, 14:11
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Frankreichs Metropole hat genug von Staus und Luftverschmutzung: Der Stadtrat will dem Fahrrad den Vortritt geben

"Hand aufs Herz", fragte die Pariser Stadträtin Edith Gallois diese Woche die übrigen Parlamentarier: "Wie viele von Ihnen sind mit dem Vélo zu dieser Ratssitzung gekommen?" Im prunkvollen Saal des Pariser Rathauses reckten sich nur ein paar Hände in die Luft - Zeichen genug, wie schlecht es um den Pariser Verkehr bestellt ist. Die Lichterstadt ächzt unter den chronischen Staus, dem infolgedessen aggressiven Verhalten der Autofahrer und einer miserablen Luft. Sie atmet sich bisweilen, wie wenn man in einem normalgroßen Wohnzimmer mit acht Kettenrauchern zusammen wäre. Das behauptete jedenfalls die Stadtverwaltung, als sie im März wegen Feinstaubalarms wieder einmal anordnete, dass abwechselnd nur die Autos mit geraden und dann mit ungeraden Nummernschildern in die City fahren durften.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat deshalb schon Anfang des Jahres angekündigt, dass Dieselautos ab 2020 aus Paris verbannt würden. Ihr langjähriger Vorgänger Bertrand Delanoë hatte seinerseits schon einen flächendeckenden und erfolgreichen Verleih von Fahrrädern (Vélib) und Elektroautos (Autolib) gestartet.

Jetzt will der Stadtrat einen Schritt weitergehen und die Pariser Bürger anhalten, sich selbst ein "bicyclette" (Zweirad) zu beschaffen. Deshalb lanciert er auf Antrag der rot-grünen Stadtregierung einen "plan vélo" über 150 Millionen Euro. Dazu gehört unter anderem die Schaffung von 10.000 Parkplätzen für private Fahrräder. Bei Bahnhöfen und anderen Orten können Vélo-Besitzer für fünf Euro sogar permanente, diebstahlsichere Standplätze mieten. Der Kauf von Fahrrädern wird subventioniert.

Ausbau des Radwegnetzes

Noch bedeutender ist die Ausbreitung der Radwege. Sie sollen bis 2020 auf 1400 Kilometer verdoppelt werden. Entlang der Seine, aber auch auf einer Nordsüd- und einer Ostwestachse werden sie sogar im Gegenverkehr funktionieren. Zu diesem Zweck müssen die Autofahrer auf vielbenutzten Achsen auf eine Fahrspur verzichten. Auf der am Louvre vorbeiführenden Rue Rivoli etwa werden sie zur Rechten von einer Busspur und zur Linken neu von einem doppelten Radweg flankiert sein; dazwischen bleibt für sie oft nur noch eine Spur übrig.

Außerhalb der breiten Boulevards sinkt die Höchstgeschwindigkeit überall auf 30 km/h. Vor allem werden die Verkehrsampeln so eingestellt, dass die Vélo-Fahrer vorfahren dürfen, wenn die Autofahrer vor dem Rotlicht warten. Damit will Hidalgo generell den Vortritt des Fahrrads vor den Autos durchsetzen.

"Eine neue Ära beginnt", erklärte die sozialistische Bürgermeisterin, als der Vélo-Plan fast ohne Gegenstimme angenommen worden war. "Paris wird eine Hauptstadt des Vélo!" Der konservative Abgeordnete Philippe Goujon dämpfte die Freude mit dem Hinweis darauf, dass Paris bis auf weiteres eine der meistverschmutzten Städte der Welt bleibe. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 16.4.2015)

  • Rien ne va plus für Autofahrer: Alltag vor dem Arc de Triomphe.
    foto: reuters/charles platiau

    Rien ne va plus für Autofahrer: Alltag vor dem Arc de Triomphe.

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