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Porträt17. April 2015, 13:53

Im März 1992 hielt Vojislav Šešelj in Mali Zvornik an der serbisch-bosnischen Grenze eine Rede: "Liebe Tschetnik-Brüder, besonders ihr auf der anderen Seite der Drina, ihr seid die mutigsten. Wir werden Bosnien von den Heiden säubern und ihnen einen Weg zeigen, der sie nach Osten führt, wo sie hingehören", stachelte er zum Hass gegen die Muslime auf.

Im April 1992 nahmen serbische Einheiten dann Zvornik ein. Serbische Milizen exekutierten sofort zwanzig bosnische Muslime und bosnische Katholiken. In den darauffolgenden Wochen wurden Nicht-Serben geschlagen, gefoltert und getötet, hunderte wurden gefangen genommen.

Zwischen dem 1. und dem 5. Juni 1992 töteten serbische Einheiten 150 bosnische Muslime in der Technischen Schule in Karakaj in Zvornik, und zwischen dem 7. und dem 9. Juni 1992 töteten sie mehr als 150 Gefangene im Schlachthaus Gero.

foto: apa/epa/mzwele
Šešelj (Mitte) 1991 mit jugoslawischen Soldaten in Vukovar. 300 Kroaten wurden dort aus dem Krankenhaus auf eine Schweinefarm gebracht und ermordet.

Kein Ende der Hass-Botschaften

Heute, 23 Jahre später, doziert Šešelj wieder Rassismus und Hass. Der Redner von Mali Zvornik lässt sich auch von seinen Anhängern beklatschen. Nicht nur für Serbien ist der Mann, der sich selbst einmal den "größten lebenden serbischen Geist" genannt hat, ein Problem.

In Bosnien-Herzegowina, wo zehntausende Menschen den ethnischen Säuberungen und der dazugehörenden Idee von Großserbien zum Opfer fielen, sind Šešeljs Reden wie Salz in den Wunden. In Kroatien sorgen sie dafür, dass sich das Verhältnis zum Nachbarn Serbien zusehends verschlechtert.

"Ein Kriegsverbrecher"

"Für uns ist er ein Kriegsverbrecher, er redet noch immer über die Tschetniks im Superlativ – dabei haben diese so viele Menschen getötet", sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Sabina R. Sie steht vor der Kathedrale im Herzen Sarajevos. Auf den Steinplatten auf dem Platz ist eine der "Rosen Sarajevos" zu sehen; rote Farbspritzer, die jene Plätze in der Stadt markieren, an denen Menschen von Scharfschützen während der Belagerung (1992-1995) ermordet wurden.

foto: ap/vojinovic
Šešelj bezeichnet sich selbst als "größten lebenden serbischen Geist".

Die 40-Jährige mit der schwarzen Mütze findet, dass Šešelj die Opfer verhöhnt und auch "jene, die Mitglieder ihrer Familien im Bosnienkrieg" verloren haben. Sie versteht nicht, weshalb Serbien "mal so tut, als würde es zu Europa gehören, und ein anderes Mal dann wieder nicht". Sie findet, es bräuchte bessere Antidiskriminierungsgesetze, die die Sprache des Hasses, die Šešelj verwendet, verbieten. "Wir können die Opfer hier nicht vergessen, aber wir müssen den Hass vergessen", sagt sie.

Viele Bewohner Sarajevos finden, dass Šešelj die Region destabilisiert und "negative Gefühle" aufbringt. Manche fürchten sogar das Schlimmste. In Sarajevo sitzt der Krieg tief in den Knochen der Leute. Manche verweisen darauf, dass die Anhänger des Tschetnik-Führers Draža Mihailović vor kurzem in der Nähe von Višegrad Blumen vor seine Statue gelegt haben.

Mihailović hatte für ein "ethnisch reines" Großserbien gekämpft; so, wie auch Šešelj später. Paramilitärische Milizen wie die Weißen Adler zogen zu Beginn des Kriegs 1992 mordend und folternd durch Ostbosnien.

Leugnung des Genozids

Die Anklagen wegen der Verbrechen beim Jugoslawientribunal nennt Šešelj selbst "Dummheiten". Er leugnet den Genozid in Srebrenica und behauptet, dass dort keine Zivilisten gestorben seien. Sentimental wird er nur, wenn es um seinen Geburtsort geht. Er wolle in Sarajevo im Hotel Europa Kaffee trinken, erzählte er kürzlich dem bosnischen Magazin "Dani".

foto: reuters/ruvic
Fassungslosigkeit bei den Hinterbliebenen der Opfer, als Šešelj im November 2014 vorläufig vom Haager Tribunal freigelassen wird.

Doch die Sarajlis sind sich einig: "Es gibt nur einen Platz, wo Šešelj hingehört: Und das ist Den Haag", wie es ein alter Mann neben dem Besistan, der osmanischen überdachten Markthalle, zusammenfasst.

Šešelj ist in Sarajevo geboren und aufgewachsen, hier hat er studiert und seine ersten Karriereschritte gemacht, bevor er erstmals 1984 verhaftet wurde. "Sarajevo ist das Herz Serbiens", sagte er zu den Journalisten von "Dani".

Normalerweise sagen serbische Nationalisten das nur vom Kosovo. Aber diesmal wollte Šešelj eben die Bosniaken provozieren. Doch abgesehen davon, dass in Bosnien-Herzegowina ausgeschlossen wird, dass er eine bosnische Pension bekommt, halten sich muslimische Politiker mit Šešelj-Reaktionen zurück.

Traum von "Großserbien"

Der letzte Informationsminister aus jugoslawischer Zeit, Mustafa Čengić, der gerade durch die Ferhadija schlendert, fürchtet eher das Wiedererwachen alter Träume bei einigen seiner bosnischen Landsleute. "Viele Serben hier haben ein gutes Gefühl, wenn der jetzt mit seinem "Großserbien" weitermacht. Er ist politisch brandgefährlich. Denn er hat überhaupt kein Gefühl von Verantwortung."

Čengić erzählt, dass er Šešelj mehrere Male vor Beginn des Krieges in Belgrad getroffen hat. Er glaubt, dass Šešelj an Schizophrenie leidet. "Einerseits ist das Problem genetisch bei ihm, auf der anderen Seite ist er politisch brandgefährlich, denn er hat überhaupt kein Gefühl von Verantwortung."

foto: reuters/djurica
Anhänger von Vojislav Šešelj bei einer Kundgebung in Belgrad im November 2014.

Massenproteste bei Verhaftung

Čengić hat sogar Verständnis für die Schwierigkeiten die Šešelj der serbischen Regierung macht, "weil es zu Massenprotesten kommen wird, wenn die den verhaften." Für Bosnien-Herzegowina sei er vor allem eine Gefahr, "weil er Dodik stärkt". Der Präsident des bosnischen Landesteils Republika Srpska, Milorad Dodik verfolgt seit Jahren eine serbisch-nationalistische und separatistische Politik. Šešelj sagt in Interviews, dass er Dodiks "Ausrichtung Richtung Russland" durchaus unterstützt.

Der Mann, der eigentlich ins Gefängnis nach Scheveningen zurückkehren sollte und schwer krebskrank ist, betont, dass er nach Kroatien nur "bewaffnet und auf dem Panzer" kommen wird. Ähnlich bedrohlich wird er dort ohnehin bereits wieder wahrgenommen.

Als Šešelj im November 1991 in die kroatische Stadt Vukovar kam, die gerade beschossen wurde, sagte er, dass "kein Ustascha die Stadt lebend verlassen werde". Das Wort Ustascha verwendete er dabei als Schimpfwort für alle Kroaten.

Tödlicher November

Am 20. November 1991 wurden 300 Kroaten von serbischen Einheiten aus dem Krankenhaus in Vukovar zu der Schweinefarm Ovčara gebracht, wo sie ermordet wurden. Ebenfalls in diesem Monat kam Šešelj zum Einpeitschen in den Ort Voćin in Kroatien. Danach verbrannten seine Männer die Häuser der Kroaten in Voćin, Hum, Bokane und Krasković und töteten "alle, die sie fanden" – insgesamt 43 Zivilisten.

Šešeljs Idee von Großserbien umfasste das kroatische Slawonien und die Krajina, Montenegro, den Kosovo und Bosnien-Herzegowina. In Kroatien haben sich die Beziehungen – die durch die wechselseitigen Genozid-Klagen, den Freispruch von Ante Gotovina, die Zerstörung der serbischen Amtstafeln in Vukovar ohnehin angespannt waren – seit der Rückkehr von Šešelj nach Serbien im vergangenen Herbst weiter verschlechtert.

Starke Provokationen, brennende Flagge

Šešelj erkannte sofort, dass er in Kroatien mit seinen Provokationen die stärkste Wirkung erzielt. Er freute sich über die Deklaration im kroatischen Parlament, wonach das Jugoslawientribunal die Entscheidung, ihn aus gesundheitlichen Gründen freizulassen, zurückziehen sollte. So wie er sich auch über die Deklaration im Europaparlament "freute".

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Šešelj zündete kurz nach seiner Freilassung eine kroatische Flagge an und behauptete es sei die "Ustascha-Flagge".

Er bezeichnete den Jahrestag, als Vukovar von serbischen Verbänden 1991 eingenommen wurde, als "Tag der Befreiung". Kürzlich zündete er eine kroatische Fahne an.

Zu einem wirklichen diplomatischen Problem zwischen den Nachbarstaaten führte die Sache allerdings erst, als der serbische Minister Aleksandar Vulin den ehemaligen kroatischen General Ante Gotovina, der vom Kriegsverbrechertribunal freigesprochen wurde, als "Ustascha" bezeichnete. Denn damit ging es nicht mehr nur um Šešelj, sondern um ein Regierungsmitglied.

Botschafter abgezogen

Kroatien zog seinen Botschafter in Serbien ab, und dem serbischen Botschafter in Zagreb wurde eine scharfe Protestnote überbracht. In Kroatien hat die Debatte um Šešelj sicher auch mit dem nahenden Wahlkampf zu tun, was selbst Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović einräumte, die selbst immer wieder Zielscheibe Šešeljs ist. Sie selbst hatte sich sogar an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon gewandt, damit Šešelj wieder inhaftiert würde.

Kroatische Nationalisten wie Ivan Tepeš verlangten sogar die Einführung von Visa für serbische Staatsbürger, die nach Kroatien einreisen wollen – was nicht einmal die Schengen-Staaten wollen. Außenministerin Vesna Pusić nannte die Aussage von Vulin inakzeptabel und unverantwortlich.

Šešelj gar nicht das eigentliche Problem

Serbiens Präsident Tomislav Nikolić verurteilte in einem Schreiben an seine kroatische Amtskollegin Grabar-Kitarović das Verhalten Šešeljs: "Von der Staatsspitze Serbiens wird jede Herabwürdigung von Symbolen jedes Staates und jedes Volkes verabscheut." Mittlerweile haben sich die Wogen nach Telefonaten von serbischen und kroatischen Politikern wieder geglättet.

Manche politische Beobachter wie Davor Gjenero meinen, dass Šešelj aber gar nicht das eigentliche Problem sei. "Das Problem ist, dass Serbien nicht weißt, ob es Teil der EU sein will oder Teil der euroasiatischen Welt von Putin. Wenn sie sich entscheiden, in Richtung EU-Mitgliedschaft zu gehen, dann wird Šešelj nach Den Haag kommen – und dann wird es keine antikroatische Rhetorik geben. Wenn nicht, wird es ein Problem geben."

Brüssel verlangt Klarheit

Auch in Brüssel verlangt man Klarheit von Belgrad, was die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal betrifft. Man nehme die Entscheidung des Gerichts zur Kenntnis, die vorübergehende Freilassung von Šešelj zurückzunehmen,. "Serbien hat immer wieder seine Verpflichtung zur vollen Kooperation mit dem Gericht demonstriert. Und die Kommission schaut darauf, dass Serbien in Übereinstimmung mit seinen internationalen Verpflichtungen handelt", so die Sprecherin der EU-Außen und Sicherheitspolitik, Maja Kocijančič, zum STANDARD.

Doch die serbische Staats- und Regierungsspitze scheint wie von einem bösen, alten Geist verfolgt, den sie nicht loswird.

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Nikolić und Vučić zeigten im Bosnien-Krieg 1995 keine Berührungsängste gegenüber Šešelj.

Und das hat auch mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun. Šešelj wies erst kürzlich darauf hin, dass der jetzige serbische Premier Aleksandar Vučić 1995 im Bosnien-Krieg bei dem Tschetnik-Führer Slvako Aleksić auf den Hügeln von Sarajevo gewesen sei. "Und Sie wollen, dass mich diese Leute verhaften?", fragte er feixend die bosnischen Journalisten.

Tatsächlich sind auf einem Youtube-Video vom Mai 1995 (siehe oben) der serbische Staatschef Nikolić wie auch Premier Vučić mit Šešelj in aller Eintracht in der Nähe von Sarajevo zu sehen. Auf der Motorhaube des Autos prangt ein Totenkopf.

Vučić, der lange Zeit bei der Radikalen Partei von Šešelj war, sagte noch 2006 über ihn bei einer Demo: "Er kämpft nicht nur für sein Leben. Er kämpft für uns alle, die wir uns hier eingefunden haben. Šešelj kämpft für Serbien."

"Antiserbischer Plot"

Vučić war damals Parteisekretär von Šešeljs Radikalen, bis 2008 Rechtsberater für den Haager Angeklagten. Heute versucht er die serbische Regierung als Opfer Šešeljs und nicht näher genannter ausländischer Kräfte darzustellen. Die serbische Regierung würde dafür bestraft, dass sie sich nicht von Russland abwende, glaubt Vučić. Die Verschwörungstheorie ist nicht ganz neu. Šešelj selbst sprach bei seiner Auslieferung 2003 von einem "antiserbischen Plot".

Der kosovarische Außenminister Hashim Thaçi nennt den Mann mit der knubbeligen Nase "einen alten Narren mit einer gefährlichen Ideologie". Er sieht aber eher das Problem darin, dass die Verbrechen, die im Namen Großserbiens begangen wurden, in Serbien zu wenig anerkannt würden. Das würde Raum schaffen für einen wie Šešelj, die Medien zu dominieren.

foto: afp
Šešeljs Konterfei auf Nikolić und Vučić.

Pläne für Genozid-Klage

Im Kosovo fühlt man sich heute nicht mehr von Serbien bedroht. Doch die Regierung will, dass das Parlament eine Deklaration verabschiedet, um eine Genozid-Klage wegen des Kriegs 1999 gegen Serbien starten zu können. Und da könnte Šešelj durchaus wieder eine Rolle spielen. Der Nationalist trieb den Krieg im Kosovo an. Einzig Albanien sei das Land für die Kosovoalbaner, dort sollten sie leben, sagte er damals. "Die einzigen Albaner, die hier leben sollen, sind jene, die die Serbien als ihr Vaterland betrachten."

Vojislav Šešelj ist bis heute stolz auf seine "nationalistische Ideologie" und sagt, dass er Kroaten hasst. Das Tribunal wirft im vor, als Teil eines "verbrecherischen Unternehmens" für die Deportation von Tausenden Nicht-Serben aus der Vojvodina, aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina, sowie auch für die Ermordung von Nicht-Serben verantwortlich zu sein. Er rekrutierte serbische Freiwillige, um sie zu indoktrinieren und Territorien, die er zu Großserbien rechnete, "ethnisch zu säubern". Diese Verbrechen wurden mit "besonderer Gewalt und Brutalität" durchgeführt, so die Anklage. Sie fordert 28 Jahre Haft. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 17.4.2015)