Wölfe sollen zeigen, was Jagd und Marathon verbindet

16. April 2015, 08:00
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In Ernstbrunn wird das soziale Verhalten von Wolf, Hund und Mensch beim Laufen erforscht

Ernstbrunn – Eine keuchende Menschenmasse hat sich am Sonntag wieder von der Reichsbrücke bis zum Heldenplatz geschoben. Der Wien-Marathon bescherte der Stadt wie jedes Jahr ein kollektives Sporterlebnis. Motiviert gemeinsames Laufen zu Höchstleistungen? Wieso kann das Laufen in der Gruppe als beglückend empfunden werden? Diese Fragen sollen unter anderem Wölfe beantworten. Am Wolfsforschungszentrum (WSC) in Ernstbrunn in den Leiser Bergen im Weinviertel brummt deshalb seit 2012 das längste Laufband der Welt, das nun bei einem Medientermin präsentiert wurde.

Der Prototyp wurde von einer Kieler Firma entwickelt. Das Laufband ist zehn Meter lang und zweieinhalb Meter breit. Es wird bis zu 40 km/h schnell und von einem 46-kw-Motor angetrieben. Allein das bewegliche Band wiegt mehr als 1,2 Tonnen. Die Kosten beziffert Verhaltensforscher Kurt Kotrschal mit 140.000 Euro, der Großteil wurde von der Universität Wien getragen. Durchgeführt werden die Versuche von Trainerinnen des WSC und von Kim Kortekaas aus den Niederlanden, Dissertantin an der Uni Wien.

In Ernstbrunn demonstrierte zunächst Hündin Binti das Laufband. Zielstrebig sprang sie auf das sich bewegende grüne Band und lief, bis ihr mit einem Klickgeräusch das Ende der Trainingssequenz signalisiert wurde. Zur Belohnung gab es Knackwurst und rohes Fleisch. "Das dient dazu, dass die Tiere den Ablauf nicht selbst bestimmen. Aber alles beruht auf Freiwilligkeit. Wenn ein Wolf keine Lust hat, macht er nicht mit", betont Kotrschal.

Der siebenjährige Wolf Kaspar ist der Chef des schwarzen Wolfrudels. Er ließ sich von den Kameras und Journalisten nicht verunsichern und markierte zunächst ausgiebig sein Revier. Dann stieg er mit seinen langen Beinen elegant auf das Band.

Soziale Effekte des Laufens

Die Forschungsarbeit hat drei Schwerpunkte: Mit einem Brustgurt wird die Herzschlagrate gemessen, was Rückschlüsse auf den Energieverbrauch erlaubt. Weiters wird untersucht, welche Effekte das gemeinsame Laufen auf Herzschlag, Motivation und soziale Beziehungen hat. "Teilen die Wölfe etwa nach dem gemeinsamen Laufen ihre Beute?", nennt Kotrschal einen Untersuchungsansatz. Drittens sorgt das Laufband für Abwechslung. Aktuell bewohnen zwölf Wölfe und 17 Hunde das Areal, die gefordert werden wollen.

Wölfe sind soziale Laufjäger und eignen sich daher besonders gut für die Erforschung des Laufens. Zudem "ticken Mensch und Wolf ähnlich", sagt Kotrschal. Beide leben in Kleingruppen, kooperieren untereinander und können außerhalb der Gemeinschaft aggressiv agieren. Daher sollen nicht nur Wolfsrudel, sondern auch Kombinationen aus Wölfen und Hunden oder Menschen miteinander laufen. Das soll Einblicke in das Jagen von Wölfen mit Menschen erlauben, sagt Kotrschal: "Damit könnte unsere Urgeschichte beleuchtet werden." (Julia Schilly, DER STANDARD, 16.4.2015)

foto: rosa winkler-hermaden

Verhaltensforscher Kurt Kotrschal bei der Präsentation des Laufbands im Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn.

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Die Niederländerin Kim Kortekaas legt Hündin Binti den Brustgurt um.

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Die Tiere müssen freiwillig kooperieren.

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Binti läuft ihrer Belohnung entgegen.

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Leitwolf Kaspar steigt auf das Laufband.

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Wölfe können mit einer Geschwindigkeit von 60 km/h laufen.

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Längere Hetzjagden sind in freier Natur aber Ausnahmen.

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Wolf bei der Menschenbeobachtung.

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Wölfe und Menschen sind einander ähnlich, sagt Kotrschal. Beide leben in sozialen Kleingruppen.

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