Alijew-Prozess: Entführungsversuche und erzwungene Interviews

15. April 2015, 17:46
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Alnur Mussajew, angeklagter Exgeheimdienstchef Kasachstans, erklärte sich für nicht schuldig

Wien - Die doppelten Sicherheitsschleusen vor dem Eingang in den Großen Schwurgerichtssaal sind zwar geblieben. Der sogenannte Alijew-Prozess um den Mord an zwei kasachischen Bankmanagern ist aber - im Vergleich zum Eröffnungstag - mit deutlich geringerem Publikumsinteresse fortgesetzt worden.

Nach dem mutmaßlichen Selbstmord Rachat Alijews, der bis dahin als Hauptangeklagter galt, musste sich am Mittwoch zunächst der ehemalige kasachische Geheimdienstchef Alnur Mussajew wegen Doppelmordes an zwei kasachischen Bankmanagern vor dem Schwurgericht verantworten. Alijews Vertrauter Wadim K., der zweite Angeklagte, machte sich während des Großteils von Mussajews Ausführungen auf einem Schreibblock Notizen.

Vor dem Vorsitzenden Andreas Böhm erklärte sich Mussajew "für unschuldig". Dann skizzierte er sein Verhältnis zu Langzeitpräsident Nursultan Nasarbajew, dem Exschwiegervater Alijews. Das ist jener Mann, der Alijew und auch Mussajew in einige der höchsten Ämter Kasachstans geführt hatte - ehe beide nach Aussage von Mussajew in Ungnade fielen, bedroht und beschuldigt wurden. Mussajew stellte sich als politisch Verfolgter dar - und führte damit die Verteidigungsstrategie fort, auf die auch Alijew bis zu seinem Tod gesetzt hatte.

Enge Zusammenarbeit mit dem Präsidenten

Doch zunächst war mit Nasarbajew alles eitel Wonne. Von 1992 bis 2002, zuletzt als Chef des Geheimdienstes KNB, arbeitete Mussajew "eng mit dem Präsidenten zusammen". Nasarbajew habe ihn auch beauftragt, seinen Schwiegersohn Alijew in die Politik einzuführen. 2002 wurde Mussajew "privater Geschäftsmann".

Damals taten sich laut Mussajew erste Risse zwischen Nasarbajew und Alijew auf, nachdem der Schwiegersohn den Präsidenten in einer Rede angegriffen haben soll. Mussajew betätigte sich als Vermittler, Alijew wurde von 2002 bis 2005 nach Wien versetzt. Ob das Amt als Botschafter in Österreich in den Augen der Führung Kasachstans eine Degradierung sei, wollte Böhm wissen. Zumal Alijew 2007, er war da Vizeaußenminister, erneut als Botschafter entsendet wurde. Die Antwort Mussajews: "Ja."

Aussagen, wonach Mussajew in der Mordnacht am 9. Februar 2007 mit Alijew und K. am Tatort gewesen sei, bezeichnete Mussajew als "gefälscht". Er sei in seinem Haus gewesen, mehrere Personen könnten das bezeugen.

Zwei Entführungsversuche

Er sei 2007 auf Anraten Alijews nach Wien gekommen, weil kasachische Behörden auch ihn mit Verhören ins Visier nahmen. 2009 habe es in Wien zwei Entführungsversuche durch Agenten des KNB gegeben. Mussajew fürchtete um sein Leben und um das seiner Kinder in Kasachstan. "Ich rief den damaligen Vorsitzenden des KNB an", sagte Mussajew, "und bot ihm Kooperation an".

Der Deal: Mussajew sollte belastende Aussagen über Alijew liefern und helfen, ihn nach Kasachstan zu bringen. Im Gegenzug würde sein Vermögen freigegeben sowie seine Verurteilung in Abwesenheit aufgehoben. In diesem Zusammenhang erwähnte er die Anwaltskanzlei Lansky: Diese vertritt die Witwen der Banker.

Erzwungenes Interview mit der "Krone"

Mussajew sei aufgefordert worden, mit Lansky in Kontakt zu treten. "Es gab eine Koordination zwischen dem KNB und Lansky", sagte Mussajew. In einem Büro der Firma sollte er der Kronen Zeitung ein Interview geben, in dem er die Vorwürfe gegen Alijew bestätigen sollte. Die Entführung der Bankmanager sei "im Auftrag von Rakhat Alijew durchgeführt worden", hieß es 2009 im Artikel.

Mussajew wurde mit einem Skype-Gespräch mit einem Zeugen konfrontiert, das 2010 geführt und aufgezeichnet wurde. Mussajew gab da an, den Aufenthaltsort der Leichen "zu 100 Prozent" bestimmen zu können. Die Männer unterhielten sich auch darüber, wann eine Identifizierung von Leichen noch möglich ist. "Ich wusste nicht, wo die Leichen vergraben sind", sagte Mussajew am Mittwoch. Den Fundort habe er von einem KNB-Agenten erfahren, der ihm diesen zuvor auf einer Landkarte gezeigt habe. "Was ich sagen will: Die kasachischen Behörden wussten seit 2008, wo die Leichen versteckt sind. Sie wollten aber von mir, dass ich den Ort bestätige."

Mit Fragen eingedeckt

Turbulent wurde es dann am Nachmittag: Staatsanwältin Bettina Wallner deckte Mussajew mit detailreichen Fragen über unzählige kasachische Namen ein. Böhm ortete "sinnlose Vorhalte" und ließ einige Fragen nicht mehr zu. Mussajew erklärte sich "müde", die Fortsetzung der Befragung wurde auf Freitag vertagt. (David Krutzler, Johanna Schwarz, DER STANDARD, 16.4.2015)

  • Das Aufgebot an Justizwachebeamten sowie das Publikumsinteresse nahm am zweiten Tag des Alijew-Prozesses in Wien deutlich ab.
    foto: robert newald

    Das Aufgebot an Justizwachebeamten sowie das Publikumsinteresse nahm am zweiten Tag des Alijew-Prozesses in Wien deutlich ab.

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