Wie national darf die Erinnerung sein?

Kommentar der anderen14. April 2015, 19:00
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Stein: Ein polnisches Denkmal als Schmerz für das Auge und das europäische Gewissen

Gibt es einen Denkmalschutz auch für Friedhöfe? Das war mein erster Gedanke, nachdem ich den Friedhof in Stein bei Krems mit dem neuen Denkmal für die polnischen Opfer der Erschießungen vom 15. April 1945 gesehen hatte. Ein schlechtes Gewissen ist kein guter Ratgeber, auch nicht für Stadtplaner. Hier wird nicht gekleckert, sondern mit Stein geklotzt, und das kräftig. Wer hat mehr gelitten? Die 386 Toten des Massengrabes gegenüber dem Eingang des Friedhofes oder die polnischen Freiheitskämpfer rechts daneben?

70 Jahre danach

Angesichts der Dimensionen des neu gesetzten Steins fällt die Antwort eindeutig aus. Das Hochhaus aus Granit spricht für sich, leider. Im Jahr 2015 ist Erinnerung auch eine Frage der Ästhetik. Hier wird einem Poststalinismus gefrönt. Doch hier handelt es sich nicht nur um eine Frage der Kunst der Erinnerung, sondern auch darum: Wie national darf oder soll das Gedenken 70 Jahre nach der Befreiung sein?

Nach dem Massaker in Stein am 6. April wurden mehr als 40 zum Tod verurteilte Gegner des Nationalsozialismus aus dem Landesgericht Wien in Stein am 15. April erschossen, unter ihnen Mitglieder einer polnischen Widerstandsorganisation. Sie waren am 5. April zu Fuß von Wien nach Krems getrieben worden. In der polnischen Untergrundorganisation Stragan ("Marktbude") haben Polen und Österreicher zusammengearbeitet. Unter den Opfern des 15. April waren aber auch Mitglieder der Antifaschistischen Freiheitsbewegung Österreichs aus Kärnten wie zum Beispiel der Priester Anton Granig, der Gendarmerie-Revierinspektor i. R. aus Reifnitz Georg Kofler und der Franziskanerpater Wilhelm (Johannes Kapistran) Pieller.

Das neue Denkmal in Stein erinnert jedoch bloß an die polnischen Patrioten.

Der Regisseur Piotr Szalsza hat die Geschichte aller Opfer für einen berührenden Dokumentarfilm Die Helden von Stein recherchiert. (ORF 3, 9. Mai, 21.55 Uhr). Dieser Film ist ein Beispiel dafür, wie lange es dauern kann, bis Vergessene geehrt werden und wie viel an verschütteter Geschichte auch 70 Jahre danach noch ans Tageslicht gebracht werden kann. Ein Denkmal in bewegten Bildern. In Stein gegossen wird jedoch auf dem Friedhof bloß die nationale polnische Erinnerung. Kein gutes Signal für ein gemeinsames Europa.

Wenn aller Nationalitäten, die in Stein inhaftiert waren, in solcher Form gedacht werden würde, bliebe kein Platz mehr für die aktuellen Toten. Dass die griechischen Häftlinge bereits im Jahr 1946 ein erstes Erinnerungszeichen direkt vor dem Eingang des Zuchthauses gesetzt hatten, ist aus heutiger Sicht mehr als verständlich, damals gab es kein geeintes Europa. Viele der rund 400 Griechen, die nach Stein deportiert worden waren, konnten aufgrund des Bürgerkrieges nicht in ihre Heimat zurückkehren. Europa hatte vor Jalta Griechenland bereits geopfert. Mithilfe der Engländer wurde bereits im Jänner 1945 der zum Teil von den Kommunisten dominierte Widerstand blutig niedergeschlagen. Und unter der Aufsicht der Engländer wurden die Konzentrationslager für Griechen betrieben.

Wenn im Jahr 2015 bloß ein nationales Denkmal gesetzt wird, so ist dies ein nachhaltiger Schmerz nicht nur für das Auge, sondern auch für ein europäisches Gewissen. Denn in Stein ist das andere Europa eingekerkert und ermordet worden. (Robert Streibel, DER STANDARD, 15.4.2015)

Robert Streibel ist Historiker, Direktor der Volkshochschule Hietzing, Mitarbeiter von "erinnern.at" und Buchautor. Zuletzt erschien der Roman "April in Stein" (Residenz-Verlag 2015).

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