Die verrückten Mädchen und ihr goldener Plan

14. April 2015, 18:08
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Lara Vadlau und Jolanta Ogar sind als Welt- und Europameisterinnen Österreichs wohl größte Hoffnung auf eine Olympiamedaille 2016

Wien - Ein Kreuzbandriss ist ein Kreuzbandriss. "Aber wir sind immer noch im Spiel", sagt Jolanta Ogar. Den Kreuzbandriss hat nicht sie, die Vorschoterin, sondern Lara Vadlau, die Steuerfrau, beim Skifahren erlitten, er warf Österreichs größte Olympiahoffnungen auf dem Weg nach Rio de Janeiro zurück, aber nicht aus der Bahn. "Unsere Marschroute hat sich verändert", sagt Ogar, "unser Ziel ist gleich geblieben. Wir wollen eine Medaille." Vadlau sitzt daneben, lagert ihr Bein hoch und ergänzt: "Niemand fährt nach Rio, um Zweiter zu werden."

Nun, da sie ein wenig Zeit haben, sitzen sie vor einem Termin des Segelverbands (OeSV) in einer Wiener Hotellobby an einem Tisch. Ansonsten sitzen die Kärntnerin Lara Vadlau (21) und die gebürtige Polin Jolanta Ogar (32) seit zweieinhalb Jahren meistens in einem Boot, genauer gesagt: in einem 470er. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 waren sie noch getrennt und mit anderen Partnerinnen unterwegs gewesen, die damals erst 18-jährige Vadlau kam auf Rang 20, Ogar kam auf Rang elf - alles schön und gut, aber nicht gut genug.

2011 hatten sich Vadlaus Weg und Ogars Weg erstmals gekreuzt. Bei der Regatta vor Palma de Mallorca brach Vadlau eine Regel, Ogar protestierte, Vadlau wurde disqualifiziert - man war sich also nicht auf Anhieb sympathisch. Monate später verpassten beide bei einer anderen Regatta vor Perth die Qualifikation. Vadlau: "Am Strand fand eine Verliererpartie statt, wir haben geredet und eine andere Meinung voneinander bekommen."

Im Februar 2012, wieder vor Palma, trainierten Vadlau und Ogar erstmals miteinander, juxhalber zunächst. "Aber es hat so gut funktioniert", sagt Vadlau, "dass ich mir gedacht habe, genau die will ich in meinem Boot." Nach London wurde aus der Idee ein Plan, und das Duo wurde beim Segelverband und beim ÖOC vorstellig. "Wir bekamen ein Jahr Zeit, um uns zu beweisen." Ziel in der ersten gemeinsamen Saison waren Top-10-Resultate, herausgekommen ist WM-Silber und EM-Silber 2013. "Da haben die zuständigen Stellen erkannt, dass die verrückten Mädchen Recht gehabt hatten." Die zuständigen Stellen legten sich alsdann ins Zeug und drehten an einigen Rädchen, und im Juni 2014 wurde Ogar eingebürgert. Die nunmehrige Doppelstaatsbürgerin hatte nicht wenig riskiert. "Für mich hätte es keinen Weg zurück gegeben, für Polen hätte ich nicht mehr segeln können."

Topfen und ein Omen

Es war dies die zweite große Wende in Jolanta Ogars sportlichem Leben. Auch für die erste hatte sie sich bewusst entschieden, als sie 2005 vom Volleyballsport, in dem sie gutes Geld verdiente, ins Segellager wechselte. "Für mich war das Geld nicht so wichtig. Aber das Segeln gab mir die Chance, die ganze Welt zu sehen." Bis August 2016 beschränkt sich die Welt mehr oder weniger auf Rio de Janeiro, dort hat der Segelverband seine Homebase, dort wird trainiert. Anfang Mai, beim nächsten Camp, wollen Vadlau und Ogar wieder dabeisein. Vadlau behandelt ihr rechtes Knie therapeutisch und mit Topfen. Sie sieht es als Omen, dass sie Anfang 2014, ebenfalls in der "Freizeit", einen Kreuzbandriss im linken Knie erlitten hatte - am Ende dieser Saison standen Vadlau/Ogar als Europameisterinnen, Weltmeisterinnen und Weltcupsiegerinnen da. "Natürlich war es verrückt, Skifahren zu gehen", sagt Vadlau. Ogau sagt: "Wäre Lara nicht verrückt, wären wir nicht so erfolgreich. Wer nicht verrückt ist, gewinnt keine Goldmedaillen. Normale Menschen werden nicht Olympiasieger."

Die Verrücktheit des Weltverbands (ISAF) ist eine ganz andere. Just zur Halbzeit der Olympiade zwischen London und Rio wurde das 470er-Profil verändert. Die Industrie freut sich, Seglerinnen und Segler kaufen zähneknirschend neue Boote, eines kostet gut 20.000 Euro, mit einem ist es aber nicht getan, Vadlau und Ogar brauchen allein zwei in Rio und zwei weitere für die Regattasaison. Vor allem müssen sie wieder "das Extra kriegen, das wir schon hatten", sagt Vadlau. "Wir müssen das Boot finden", sagt Ogar, das uns eine Medaille ermöglicht." Skifahren, sagt Ogar auch, ist bis Sommer 2016 verboten. Skifahren wäre auch gar zu verrückt. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Die 21-jährige Steuerfrau Lara Vadlau und ihre 32-jährige Vorschoterin Jolanta  Ogar harmonieren im 470er. "Ich bin sehr impulsiv, ich will immer das gewisse  Extra finden", sagt Vadlau. "Ich habe mich besser im Griff, ich kann ihre  Verrücktheit kontrollieren", sagt Ogar. "Wir sind völlig verschieden. Aber wir  haben dasselbe Ziel", sagen beide.
    foto: vadlau_oger©isaf

    Die 21-jährige Steuerfrau Lara Vadlau und ihre 32-jährige Vorschoterin Jolanta Ogar harmonieren im 470er. "Ich bin sehr impulsiv, ich will immer das gewisse Extra finden", sagt Vadlau. "Ich habe mich besser im Griff, ich kann ihre Verrücktheit kontrollieren", sagt Ogar. "Wir sind völlig verschieden. Aber wir haben dasselbe Ziel", sagen beide.

  • In Santander und im September 2014 feierten Lara Vadlau (links) und Jolanta Ogar  als Weltmeisterinnen ihren größten Sieg.
    foto: diener / alex domanski

    In Santander und im September 2014 feierten Lara Vadlau (links) und Jolanta Ogar als Weltmeisterinnen ihren größten Sieg.

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