Kindergärten: "Männer lassen mehr Rambazamba zu"

17. April 2015, 05:30
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Die große Mehrheit des heimischen Kindergartenpersonals ist weiblich. Innsbrucker Forscher analysieren die Gründe

Wien - Das Bild ist vertraut. Ein Kindergarten beim Ausflug in den Zoo: Auf dem Vorplatz stapfen ein paar Dutzend Mädchen und Buben in einer wohlgeordneten Kolonne in Richtung Eingang, vier Frauen unterschiedlichen Alters hüten die Schar. Zehn Minuten später marschiert die nächste Kindergruppe vorbei, auch sie in rein weiblicher Begleitung. Von Männern keine Spur. Warum?

Egal ob Krabbelgruppe oder Volksschule, in weiten Bereichen der Pädagogik glänzt das männliche Geschlecht durch Abwesenheit. In österreichischen Kindergärten beträgt der Männeranteil im betreuenden Personal sogar nur 0,8 Prozent, berichtet der Psychologe Josef Christian Aigner von der Universität Innsbruck. Ein eklatanter Mangel. Die Geschlechter-Gleichberechtigung findet in der institutionellen Kleinkindererziehung praktisch nicht statt. Die Gründe dafür dürften vielfältig sein: Zum einen ist die branchenübliche Entlohnung meist schlecht. Laut Arbeitsmarktservice Österreich beträgt sie hierzulande bei Berufseinstieg zwischen 1920 und 2130 Euro brutto monatlich. Dennoch strebt die EU bis 2020 für Kindertagesstätten eine Männerquote von 20 Prozent an. "Das können wir uns heute schon abschminken", sagt Aigner.

Dabei geht es auch anders. In Norwegen hatte man sich das 20-Prozent-Ziel schon vor mehr als zehn Jahren auf die Fahne geschrieben. Flächendeckend wurde es zwar noch nicht erreicht, doch mancherorts liegt der Anteil männlicher Kindergartenfachkräfte sogar bei knapp einem Drittel. Diesen Erfolg gibt es vor allem dort, wo sogenannte Waldkindergärten mit stark naturpädagogisch orientiertem Angebot gegründet wurden, berichtet Aigner. Anscheinend spricht diese Art von Erziehungsarbeit Männer eher an.

Gezielte Förderung

In einer 2008 vom norwegischen Bildungsministerium veröffentlichten Broschüre gibt die praxiserfahrene Expertin Pia Friis eine Reihe von Empfehlungen, wie männliche Pädagogen dauerhaft für den Kindergarten gewonnen werden können - darunter die gezielte Männerförderung bei Stellenausschreibungen sowie das Adressieren von Praktikumsplätzen an männliche Schüler. Friis stellt auch die in den Einrichtungen oft noch herrschende "weibliche Kultur" zur Debatte. Diese könne für männliche Berufsinteressenten eine Hemmschwelle darstellen. Es gehe allerdings um "Geschlechtergerechtigkeit" jenseits der gängigen Vorstellungen, schreibt die Autorin. "Wir müssen offen dafür sein, verschiedene 'Typen' von Männern und Frauen einzustellen." Nicht nur mütterliche Hüterinnen und zupackende Pfadfinder.

Die Bedeutung von Männern im Kindergarten sieht auch Aigner in der Schaffung eines bereichernden Umfeldes mit verschiedenen Verhaltensansätzen. Männliche Betreuer bringen mehr körperliche Spielaktivität in eine Gruppe. "Die Kinder springen sie buchstäblich an, und da machen dann auch die Mädchen mit." Abgesehen davon scheinen Kindergärtner etwas chaostoleranter zu sein. "Männer lassen mehr Rambazamba zu", sagt Aigner. "In den Interviews haben uns das auch die weiblichen Fachkräfte bestätigt."

Um die Auswirkungen männlicher Präsenz in der Früherziehung genauer unter die Lupe zu nehmen, hat das Innsbrucker Team zunächst im Auftrag des Sozialministeriums eine Pilotstudie durchgeführt. In zehn Kindergartengruppen, fünf mit ausschließlich weiblicher, fünf mit gemischtgeschlechtlicher Betreuung, beobachteten sie das Verhalten der Kinder sowie deren Interaktion mit den Erwachsenen. Videoaufzeichnungen ermöglichten eine detaillierte Analyse, Befragungen des Personals und der Eltern lieferten zusätzliche Informationen.

Die Auswertungen zeigen deutlich den Einfluss von Kindergärtnern - vor allem auf Buben. Letztere suchen verstärkt die Nähe zu ihren erwachsenen Geschlechtsgenossen, fragen sie um Hilfe bei der Bewältigung von allerlei Aufgaben, und erbitten regelmäßig ihre exklusive Aufmerksamkeit. Das Bedürfnis nach Kommunikation mit den männlichen Betreuern ist ebenfalls höher als das gegenüber den weiblichen Fachkräften. Dieser Effekt zeigt sich auch bei den Mädchen, wenn auch nicht ganz so stark ausgeprägt. Außerdem scheinen Mädchen in gemischtbetreuten Gruppen etwas weniger zurückhaltend zu agieren. Weniger brav eben.

Fehlen einer Vaterfigur

Die Elternbefragungen lassen auf die möglichen Ursachen für die beobachteten Verhaltensunterschiede schließen. Einigen Kindern scheint es zu Hause schlichtweg an Kontakt zu einer Vaterfigur zu fehlen. "Man kann in vielen Fällen darauf schließen, dass es dort ein Männerdefizit gibt", erklärt Josef Aigner. Das betrifft keinesfalls nur Kinder mit alleinerziehenden Müttern. Auch in klassisch strukturierten Familien verbringen Väter nur sehr wenig Zeit mit ihrem Nachwuchs. Männliche Vorbilder sind somit oft Mangelware. In der Fachwelt spricht man deshalb schon von "Vaterhunger".

Selbstverständlich können professionelle Kinderbetreuer diese Defizite nicht wirklich ausgleichen. Ihr Potenzial ist dennoch sehr groß, wie Josef Aigner betont. Wenn in der Frühpädagogik nur weibliche Fachkräfte arbeiten, vermittle man den Kindern auch, dass nur Frauen für sie zuständig seien. Eine krasse Zementierung der klassischen Rollenverteilung. Abgesehen davon gebe es Eigenschaften und Aktivitäten, die eher den Männern zugeschrieben und auch eher von ihnen vorgelebt werden: Herumtoben, Abenteuerlust, Spaß am Entdecken und Wettbewerb. Diese Verhaltensmöglichkeiten dürfen den Kindern, sowohl Buben wie Mädchen, nicht vorenthalten bleiben, sagt Aigner.

Die Erkenntnisse nützen allerdings wenig, solange sie nicht in der Praxis umgesetzt werden. Die Innsbrucker Wissenschafter haben deshalb ein weiteres Projekt gestartet. Sie suchen mit finanzieller Unterstützung durch den österreichischen Forschungsfonds FWF gezielt nach Strategien zur Erhöhung des Männeranteils in der Kinderbetreuung hierzulande. Eine konsequente Anwerbung von Kindergärtnern findet in Österreich bisher kaum statt. "Die meisten Institutionen betreiben das halbherzig", sagt Aigner. Ein langer Weg, um norwegische Verhältnisse zu schaffen. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Balanceakt im Outdoorbereich eines Kindergartens - im Hintergrund sind auch hier weibliche Betreuer zu sehen, keine männlichen.
    foto: reuters/pfaffenbach

    Balanceakt im Outdoorbereich eines Kindergartens - im Hintergrund sind auch hier weibliche Betreuer zu sehen, keine männlichen.

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