Revolution in Polens Bildungspolitik

15. April 2015, 08:00
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Die "digitale Schule" könnte zum Wahlkampfschlager werden. Auch mit kostenlosen Schulbüchern will die Regierung punkten

Polens Schüler gehen online. Alle. Von der ersten Klasse bis zur Matura. Die Europäische Union stellt für das Projekt "Digitale Schule" eine Milliarde Euro zur Verfügung. Experten arbeiten an den 64 digitalen Schulbüchern, tausende Lehrer klicken sich durch die neue virtuelle Schulwelt. Der Termin für die Revolution rückt näher: Kurz vor den Parlamentswahlen im Herbst soll die "digitale Schule" fertig sein. Knapp fünf Millionen Schulkinder freuen sich darauf, künftig an Computern lernen und spielen zu dürfen.

Dass sich die Faszination des Neuen und Millionen kostenlos verteilter Tablets positiv auf das Wahlergebnis der liberalkonservativen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) auswirken könnten, hat die Opposition im Land noch nicht bemerkt. Ihre Kritik beschränkt sich bisher auf das angebliche Chaos in der Vorbereitung des ambitionierten Projekts, auf unzureichende Schulung der Lehrer und die angebliche Verschwendung von EU-Zuschüssen.

Kostenlose Schulbücher

Beinahe sprachlos steht die Opposition auch vor dem parallel laufenden Projekt von Bildungsministerin Joanna Kluzik-Rostkowska, die verbleibenden Schulbücher aus Papier wieder kostenlos zu verteilen. Bereits in diesem Schuljahr bekamen die rund 500.000 Erstklässler "Unsere Fibel" gratis. Davor mussten die Eltern tief in die Tasche greifen. Umgerechnet rund 50 Euro kostete die sogenannte "Box" mit 20 Heften zum Lesen- und Rechnen-Lernen, für den Verkehrs-, Biologie- und Computerunterricht.

Eine abwaschbare Plastiktafel gehörte dazu, zwei Mappen mit Bastelmaterial und zwei DVDs mit Computeranimationen und Hörspielen. Kaum ein Lehrer nutzte das gesamte Angebot, viele Eltern ärgerten sich über das "zu viel gezahlte Geld".

Buchverleger protestieren

Die kostenlose Regierungsversion kommt nun mit vier Heften aus. Statt DVDs gibt es Links zu Internetseiten, zum Basteln bringen die Kinder buntes Papier und Stoffreste von zu Hause mit. Für das Englisch-, Französisch- oder Deutschlehrbuch erhalten Schulen umgerechnet sechs Euro pro Buch vom Bildungsministerium. Bis 2024 soll so das Jahresbudget von Eltern mit schulpflichtigen Kindern um knapp 200 Millionen Euro entlastet werden.

Die schärfste Kritik am kostenlosen Einheitsschulbuch üben die Verleger. Sie befürchten einen gewaltigen Umsatzeinbruch. "Natürlich sind wir verbittert", sagt Jerzy Garlicki, Chef des Schulbuchverlags WSiP. "Wir haben die sich ständig ändernden Curricula umgesetzt, die Bücher immer wieder überarbeitet. Plötzlich gibt das Ministerium die Schulbücher selbst heraus und lässt sie an staatlichen Schulen verteilen."

Tücken der Technik

Dass es überhaupt noch eine Papierversion des Schulbuchs gibt, obwohl schon nach den Sommerferien alle polnischen Kinder in einer "digitalen Klasse" lernen sollen, dürfte mit dem Stand der Technik zusammenhängen. Selbst in der Hauptstadt Warschau bricht das Internet immer wieder zusammen, wenn es regnet oder die Leitungen überlastet sind. Das "interaktive Lernen" am Computer muss dann aufgeschoben und das gute alte Schulbuch aus dem Ranzen gezogen werden. (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Polens Bildungsministerin Joanna Kluzik-Rostkowska.
    foto: reuters

    Polens Bildungsministerin Joanna Kluzik-Rostkowska.

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