Abraham Lincoln: Überlebensgroß und unerreichbar

15. April 2015, 10:59
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Vor 150 Jahren fiel Lincoln einem Attentat zum Opfer. Heute gilt er als bester Präsident, den die USA je hatten

John Wilkes Booth ist angemeldet. Der tadellos gekleidete Schauspieler hat einem Diener seine Visitenkarte gezeigt und sich so Zugang zur Ehrenloge verschafft. Dort zieht er seine Derringer-Pistole, jagt Abraham Lincoln eine Kugel in den Kopf, wehrt einen herbeistürzenden Major mit einem Messerstich ab und springt hinunter auf die Bühne. "Sic semper tyrannis!", so möge es Tyrannen immer ergehen, ruft Booth, ein glühender Anhänger der Südstaatenkonföderation, hebt seinen Dolch und verschwindet.

Die Zuschauer denken zuerst, der dramatische Auftritt gehöre zum Stück. Das ändert sich, als sie hörten, wie Lincolns Frau Mary verzweifelt ruft: "Sie haben den Präsidenten erschossen!" Charles Leale ist der erste Arzt, der zu helfen versucht. Als er das Einschlussloch hinter dem linken Ohr entdeckt, begreift er schnell, dass es sich um eine tödliche Wunde handelt.

Gegenüber des Ford's Theatre stirbt Lincoln neun Stunden später im Petersen House, einer Pension: Am 15. April 1865, um 7.22 Uhr, wird er für tot erklärt.

Verehrung unmittelbar nach dem Tod

Unmittelbar danach setzt die Lincoln-Verehrung ein, und bis heute hat sie nicht nachgelassen. In der Bewertung der American Political Science Association, eines Fachverbands von Politologen, ist "Old Abe" der beste Präsident, den die USA jemals hatten, gefolgt von George Washington und Franklin Delano Roosevelt.

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Kentucky, ein Autodidakt, der sich selber das Lesen und Schreiben beibringt und Rechtsanwalt wird, formuliert Lincoln sein politisches Credo mit Worten aus der Bibel.

"Ein Haus, so es mit sich selbst uneins wird, kann nicht bestehen", deklamiert er 1858 auf einem Konvent in Illinois, wo ihn die Republikaner für die Senatswahl aufstellen. "Ich glaube, dass dieses Regierungssystem keinen dauerhaften Bestand haben wird, wenn es halb versklavt und halb frei ist."

Befreiung der Sklaven

Nachdem er 1860 die Präsidentschaftswahl gewinnt, trennen sich die Sklavenhalterstaaten von der Union. Am 12. April 1861 beginnt der Bürgerkrieg. Am 19. November 1863 hält Lincoln auf dem Schlachtfeld von Gettysburg seine berühmteste Rede, die zugleich eine seiner kürzesten ist: Die Anwesenden sollten feierlich beschließen, dass die Toten nicht vergebens gestorben seien, "dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk niemals vom Erdboden verschwinden darf". Als sich ein Ende des Blutvergießens abzeichnet, will er in der Verfassung verankern, was er zuvor mit Ausnahmevollmachten durchgesetzt hatte: die Befreiung der Sklaven.

Gegenüber der Südstaatenarmee zeigt er Milde. Es ist ein Motiv, das Barack Obama in den Wochen nach seinem Wahlsieg aufgreift: "Lincoln hätte der Sinn nach Rache stehen können, er hätte den Süden einen hohen Preis für die Rebellion zahlen lassen können." Stattdessen habe er angeordnet, die unterlegenen Soldaten ungestraft zu ihren Familien zurückkehren zu lassen.

"Fundamentale Vision"

Wer im Oval Office residiert, muss sich bis heute an "Old Abe" messen lassen. In einer Mischung aus Bedauern und Verständnis konstatieren die Leitartikler, dass Politiker heutzutage nicht mehr von seinem Kaliber sind. Jeder Kandidat "sollte zumindest ansatzweise besitzen, was Lincoln im Überfluss besaß: eine fundamentale Vision und eine kluge Strategie für die Realitäten des Augenblicks", schreibt David Brooks in der New York Times. Ohne Lincoln, sind sich die Historiker einig, wären die USA keine Großmacht, womöglich wären sie nicht einmal die Vereinigten Staaten.

Nicht nur, dass er mit dem Pacific Railway Act den Weg zum Bau einer transkontinentalen Eisenbahnlinie ebnete, womit ein großer Wirtschaftsraum zwischen Atlantik und Pazifik entstehen konnte; nicht nur, dass er die Union rettete: Mit der Abschaffung der Sklaverei, der Korrektur ihres Geburtsfehlers, gab er den USA zugleich eine gesellschaftlich homogenere, stabilere Grundlage.

"Einen Lincoln bekommen wir heute nicht mehr", orakelt Brooks. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Tim Hinrichs aus Kalifornien hilft seinem sechsjährigen Sohn Alex, damit dieser seine Hand an der Nase der Statue von Lincolns Grab in Springfield, Illinois, reiben kann - das soll Glück bringen.
    foto: ap / randy suires

    Tim Hinrichs aus Kalifornien hilft seinem sechsjährigen Sohn Alex, damit dieser seine Hand an der Nase der Statue von Lincolns Grab in Springfield, Illinois, reiben kann - das soll Glück bringen.

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