70 Jahre gewerkschaftlicher Kampf mit Krisen und Jobwandel

15. April 2015, 05:30
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Der ÖGB feiert am Mittwoch sein 70-jähriges Bestehen. Den Bund fürs Arbeitsleben gehen immer weniger Beschäftigte ein

Wien - Aus Trümmern wird manchmal ein Grundstein für besonders stabile Konstrukte. Einen solchen setzten jene 33 Gewerkschafter, die sich am 15. April 1945, zwei Tage nach der Befreiung Wiens, im Direktionsgebäude des weitgehend zerstörten Westbahnhofs einfanden, um die Statuten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes zu beschließen. 70 Jahre später ist der ÖGB Sinnbild für Stabilität - oder für Stagnation, je nach Standpunkt. Erschütterungen gab es dennoch genug, nicht alle überstand die Institution unbeschädigt.

Frühe Belastungsproben waren etwa der kommunistische Generalstreikversuch von 1950 oder der Spendenskandal um Franz Olah (von 1959 bis 1963 ÖGB-Präsident). Olah hatte mit Gewerkschaftsbeiträgen die Gründung der Kronen Zeitung unterstützt sowie auch der FPÖ Gelder zukommen lassen. "Damals sind erstmals die Themen Korruption und Elitenbildung innerhalb der Gewerkschaft aufgebrochen", sagt Politikwissenschafter Emmerich Talos, ein profunder Kenner des ÖGB.

Stabilität wird hinterfragt

In wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen konnte man hingegen große Erfolge vorweisen. Maßgebliche Errungenschaften waren die schrittweise Absenkung der Arbeitszeit, die Urlaubsausweitung oder die Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung.

Spätestens in den 1990er-Jahren wurden dann Usancen wie Mehrfachfunktionen von Arbeitnehmervertretern zunehmend hinterfragt. Privilegien und Einkommen von Spitzenfunktionären waren Thema in der Öffentlichkeit, das Vertrauen in sie nicht mehr dasselbe. Die schwerste Krise stand dem ÖGB aber mit dem Bawag-Skandal noch bevor.

Reformmotor Bawag-Skandal

Präsident Fritz Verzetnitsch musste 2006 seinen Hut nehmen, die Bawag musste verkauft werden, um eine Insolvenz zu verhindern. In Sachen Glaubwürdigkeit stand der ÖGB vor einem Scherbenhaufen. Daraufhin gab es Einsparung und Zusammenlegung von Teilgewerkschaften. "Seitdem ist der ÖGB kleiner, weniger einflussreich und weniger an die SPÖ gebunden. Das Eigenprofil musste geschärft werden", sagt Politologe Ferdinand Karlhofer.

Das Phänomen des Mitgliederschwundes ist aber kein neues, die Zahlen gehen seit Jahrzehnten zurück. Gab es zu Beginn der 1980er-Jahre noch rund 1,7 Millionen Gewerkschaftsmitglieder, waren es 2014 weniger als 1,2 Millionen. Schuld daran ist laut Karlhofer eine Mischung aus wenig beeinflussbaren Entwicklungen am Arbeitsmarkt und hausgemachten Krisen: "Der Mitgliederschwund ist durch die strukturellen Veränderungen unumkehrbar. Wenn dann noch eigene Versäumnisse dazukommen, verdichtet sich das natürlich."

Langsame Anpassung

Die Mitgliederwerbung über Betriebsräte sei durch häufigere Jobwechsel sehr viel schwieriger als früher. Der Versuch der Anpassung sei zwar erkennbar, meint Karlhofer. Eine große Organisation wie der ÖGB gehe aber nun mal "auf ausgetretenen Pfaden, von denen man schwer wegkommt".

Ähnlich sieht das Julia Hofmann, Wirtschaftssoziologin an der Uni Linz. "Die Umstände werden schwieriger, aber Gewerkschaften können sich nicht darauf ausreden. Es geht darum, speziellen Gruppen wie Akademikern oder jungen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen die Vorteile einer Mitgliedschaft aufzuzeigen." Entsprechende Versuche gebe es vor allem in den Teilgewerkschaften.

Der ÖGB als Ganzes bewege sich aber sehr viel langsamer, so Hofmann. Schuld daran seien auch die sozialpartnerschaftlichen Erfolge der Vergangenheit. "In Österreich sagt man sich oft: 'Uns geht's im Vergleich zu anderen eh gut.' Das bremst das Problembewusstsein und fördert Beharrungskräfte." (Simon Moser, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Mit ihrer Kampagne zur Lohnsteuersenkung konnte die Gewerkschaft punkten. Bei den Mitgliederzahlen verliert sie seit Jahrzehnten.
    foto: apa/herbert neubauer

    Mit ihrer Kampagne zur Lohnsteuersenkung konnte die Gewerkschaft punkten. Bei den Mitgliederzahlen verliert sie seit Jahrzehnten.

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