"3 Sekunden": Ein depressiver Pilot, ein Psychopath und Ego-Weiber

14. April 2015, 17:00
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Politisch korrektes Verhalten kann das Zusammenleben einfacher machen. Oft verschleiert es Probleme aber bloß. In "3 Sekunden" lässt das Aktionstheater Ensemble die Regeln des guten Geschmacks weit hinter sich. Und begeistert

Wien - Auch das ist eine Angst, der man sich stellen muss: Wenig beunruhigt Theaterbesucher mehr als die Möglichkeit, in ein Stück integriert zu werden. Kaum auf die Bühne gestürmt, halten sich die Darsteller des Aktionstheater Ensembles deshalb auch schon an sechs fremden Armen fest, lassen sich in die Hocke nieder, pressen. Was sich für die unverhofft zu Komparsen Gewordenen als kurz und schmerzlos erweist, bereitet der werdenden Mutter größte Qualen: Ein inbrünstigeres Röhren als jenes von Susanne Brandt, muttermundverkrampft im Kreißsaal festgeschnallt "wie ein verendetes Kaninchen", kann man sich schwer vorstellen.

Aus dem Schneider sind die Zuschauer damit aber noch nicht. Doch wer ist denn überhaupt je aus dem Schneider in dieser kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod? Der nächste Angriff kommt von Florian Kmets Bassgitarre (manch Finger wandern da an zu zarte Ohren), darauf folgt Kirstin Schwabs enthusiasmierte Aufzählung ihrer liebsten Flugzeugkatastrophenfilme. Politisch inkorrekter Höhepunkt: "Zwei Piloten, einer depressiv." Darf man darüber angesichts der letzten Wochen lachen? Das Publikum im Eldorado kann und tut es jedenfalls.

Regisseur Martin Gruber inszeniert in 3 Sekunden aber keine Wuchteln, sondern "Angstbilder, die tief tabuisierten Themen der modernen Gesellschaft entsprechen", wie die Jury des Heidelberger Theaterpreises 2014 lobte. Inmitten eines Waldes aus kalt leuchtenden Neonröhren (Bühne: Felix Dietlinger) packt die Angst nicht nur die Darsteller körperlich brutal, auch das Publikum soll ergriffen sein. Katharsis ist angesagt.

Regisseur, Ensemble und Autor Wolfgang Mörth haben eigene und fremde Ängste verarbeitet. Schon die am Kind scheiternde Mutter und die am Mütterwahn zugrunde gehende Frau bieten da zwischen platzenden Kröten und Geburtstagsidylle viel Stoff für Online-Wehklagen und Urschreiausbrüche. Die Lust am Kontrollverlust und der Selbstaufgabe hat hingegen Roman Blumenschein entdeckt. Doch sei es als Schuss in den Kopf oder als Vorstellung, mit dem Auto wo dagegenzufahren: Keine Angst tut auch nicht gut. Zwischen den Exzessen gleichen die synchronisierten Tanzbewegungen der Gruppe dem traumatisierten und ratlosen Winden einer Gesellschaft im Schockzustand.

Ob jammernd, fasziniert von der übersteigerten Inszenierung physischer Unsterblichkeit oder dem Krise-als-Chance-Gedanken anhängend - 3 Sekunden ist eine Absage an Political Correctness und das Gutmenschentum. Die fliegenden Wechsel zwischen Tragik und Kloß-im-Hals-Witzen ernten nach einer Stunde tosenden Applaus. (Michael Wurmitzer, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Kirstin Schwab, Roman Blumenschein und Susanne Brandt spielen sich im Eldorado in "3 Sekunden" an den Rand des Exzesses.
    foto: felix dietlinger

    Kirstin Schwab, Roman Blumenschein und Susanne Brandt spielen sich im Eldorado in "3 Sekunden" an den Rand des Exzesses.

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