Alijew-Prozess: "Ein klassisches Mordmotiv: Geld"

14. April 2015, 16:34
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Der Sachverhalt um den Mord an zwei kasachischen Bankmanagern höre sich "wie ein Hollywood-Film" an, sagte Staatsanwältin Bettina Wallner. Leider sei er real. Laut Verteidigung steckt Präsident Nasarbajew dahinter. Tag eins im Alijew-Prozess.

Wien – Sprengstoffspürhunde, Metalldetektoren, Polizisten mit Sturmgewehren vor den Saaltüren: Der Auftakt des Mordprozesses gegen Alnur Mussayew und Vadim K. geht unter erstaunlichen Sicherheitsvorkehrungen vor sich. Und das, obwohl es im Großen Schwurgerichtssaal eigentlich recht friedlich zugeht.

16 Geschworene hat Vorsitzender Andreas Böhm verpflichtet, neben den acht, die grundsätzlich das Urteil fällen müssen, auch acht als Ersatz, der Prozess ist immerhin auf 27 Tage bis in den Juni hinein anberaumt.

Zu beneiden sind die Laienrichter nicht, wie sich schon bei den Eröffnungsplädoyers herausstellt. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung bemühen sich zwar, mit auf eine große Videoleinwand projizierten Powerpoint-Präsentationen das Geheimnis um den Tod zweier kasachischer Bankmanager Anfang 2007 übersichtlich darzustellen. Alleine: Spätestens beim siebenten involvierten kasachischen Familiennamen wird es schwierig, zu folgen. Und es kommen noch einige Namen mehr dazu.

Im Verfahren geht es nicht um "gut oder böse"

Die Anklagebehörde hat mit Markus Berghammer und Bettina Wallner gleich zwei Vertreter geschickt. Berghammer beginnt und gesteht ein, dass es bei diesem Verfahren "nicht um Schwarz oder Weiß, gut oder böse geht". Damit spielt er auf die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Verteidigern der Angeklagten und den Anwälten der Witwen der beiden Manager an.

Eines stellt der Staatsanwalt aber klar: Behauptungen, dass die heimische Justiz einfach die Ermittlungsergebnisse der kasachischen Behörden eins zu eins übernommen hätte, seien schlichtweg falsch. Auch eine Beeinflussung habe es nicht gegeben. Und er erklärt den Geschworenen auch das große Publikumsinteresse. Das liege an dem Mann, der nicht auf der Anklagebank sitzt: Der im Februar in Untersuchungshaft verstorbene Rachat Alijew, kasachischer Ex-Botschafter und angeblich das Mastermind hinter den Morden.

"Wie ein Hollywood-Film"

Den Sachverhalt selbst stellt dann Wallner da. "Zwei Menschen sind tot, Ehemänner und Familienväter. Und dafür gibt es ein klassisches Mordmotiv: Geld." Dass sich die Geschichte "streckenweise wie ein Hollywood-Film" anhöre, sagt sie auch, leider sei aber alles real.

Bankeigentümer Alijew habe das Institut verkaufen wollen, erzählt sie. Dabei stellte sich heraus, dass Bankmanager Kredite an Firmen vergeben haben, an denen sie selbst beteiligt waren – einem gehörte beispielsweise das Hauptquartier der Bank.

Als Alijew das entdeckte, habe er nicht nur die Kredite zurückgefordert, sondern wollte auch an den Firmen beteiligt werden, behauptet Wallner. Zwei Bankmanager seien daher von Alijew und Komplizen entführt worden, um sie zum Verkauf des Bankhauptquartiers zu nötigen. Der Wert des Gebäudes: 87 Millionen Dollar. Das Angebot Alijews dafür: 1,2 Millionen, im Endeffekt wurden es 26 Millionen Dollar. Die beiden Männer kamen wieder frei, erstatteten aber keine Anzeigen.

Leichen auf Mülldeponie verscharrt

Was einem von ihnen laut Anklage zum Verhängnis wurde: Dieser und ein weiterer Bankmanager – der in den Augen Alijews ebenfalls rechtswidrig Kredite vergab – sollen kurz danach neuerlich tagelang entführt, gequält und erniedrigt worden sein, ehe sie betäubt und im Zusammenwirken von Alijew sowie den Angeklagten Mussayew und K. erdrosselt wurden. Die Leichen habe man samt Löschkalk in Fässern versteckt und auf einer Mülldeponie – die Alijew gehörte – verscharrt.

Für die Verteidigung ist der geschilderte Tathergang eine "Konstruktion der kasachischen Behörden, des kasachischen Präsidenten", sagte Martin Mahrer, der Verteidiger von Mussayev. Er bezeichnete die Version der Staatsanwaltschaft auch als "Lügengeschichte". In Wahrheit habe Langzeitpräsident Nursultan Nasarbajew, der Ex-Schwiegervater Alijews, die Doppelmorde "in die Wege geleitet". Durchgeführt habe sie der Geheimdienst KNB.

Verteidiger sieht "Hetzkampagne"

Die Angeklagten bezeichnete Mahrer als "politisch Verfolgte" in einer "poststalinistischen Diktatur". Weil sie von Österreich nicht ausgeliefert wurden, sei gegen diese "eine Hetzkampagne" gelaufen. Über den Opferverein "Tagdyr" der beiden Witwen sei dafür Geld "von der kasachischen Regierung" geflossen. Einen Belastungszeugen nannte Mahrer gar "Lügner", der von den kasachischen Behörden aufgeboten wurde. Mit den Morden hätten die Angeklagten nichts zu tun, sagte auch K.s Anwalt Walter Engler. (David Krutzler, Michael Möseneder, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • Unter großen Sicherheitsvorkehrungen startete in Wien der Prozess gegen Ex-Geheimdienstchef Alnur Mussayev (Mitte re.) und Vadim K., einst Leibwächter des kasachischen Präsidenten.
    foto: robert newald

    Unter großen Sicherheitsvorkehrungen startete in Wien der Prozess gegen Ex-Geheimdienstchef Alnur Mussayev (Mitte re.) und Vadim K., einst Leibwächter des kasachischen Präsidenten.

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