Italien will Bankenstadt Lugano austrocknen

15. April 2015, 07:00
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Die italienische Regierung macht Jagd auf Steuerflüchtlinge im Tessin, die Tage der Kapital- und Steueroase in Lugano sind gezählt

Mailand - Lugano war nach Zürich und Genf die drittwichtigste Bankenstadt der Schweiz. Im Tessin, der südlichen Schweiz, droht sie dieses Primat zu verlieren. Von jeher versteckten Norditaliener dort ihr Geld vor dem italienischen Fiskus. Doch nun lockt die Regierung in Rom mit einem Angebot, das Kapital zu relativ günstigen Bedingungen zurückzubringen.

Die von der Regierung in Rom zu Jahresbeginn eingeführte Selbstanzeige "Voluntary Disclosure" soll dem italienischen Fiskus nach Schätzungen des Schatzamts mindestens fünf Milliarden Euro zuführen - großteils aus der Schweiz. Rom belegt Kapital- und Steuerflucht mit hohen Geldstrafen und strafrechtlicher Verfolgung, sollten diese vom Angebot nicht Gebrauch machen. Die Situation ist umso pikanter, als Rom und Bern erst kürzlich ein bilaterales Abkommen schlossen, wonach das Bankgeheimnis in der Schweiz gelockert wird.

foto: apa/epa/karl mathis
Die Tage der Kapital- und Steueroase in Lugano sind gezählt.

Zahl der Banken geht zurück

Die Tage der Kapital- und Steueroase sind also gezählt. Die Anzahl der Banken in der Tessiner Touristenstadt ist inzwischen von 65 auf 50 zurückgegangen. Manager Alain Masson ist überzeugt, dass noch weitere Banken schließen werden. So soll noch heuer die französische BNP Paribas ihren Standort wechseln. Auch der Verkauf der einstigen Vorzeigebank Banca Svizzera Italiana (BSI) habe zu einem Beschäftigungsschwund geführt. Die Angst vor dem Untergang des Finanzplatzes Lugano ist spürbar.

Aber nicht nur im Bankengewerbe, auch im Tourismus kriselt es. "Wir versuchen die Aufwertung des Schweizer Franken gegenüber dem Euro durch Sonderangebote wettzumachen", meinte George Beck, Generalmanager des Hotels Belvedere in Locarno. Sie wollen sich mehr auf den Geschäftstourismus konzentrieren. Sowohl Locarno wie auch Lugano hoffen, von der Weltausstellung Expo 2015 in Mailand zu profitieren. Sie bieten ihren Kunden Gratistransport nach Mailand samt Eintritt zur Expo an, sollten sie mehrere Nächte im Tessin verbringen.

Augenscheinlich müssen Lugano und Locarno ihre Struktur wandeln. In Lugano entsteht ein neues Kulturzentrum. Locarno bemüht sich, seinem Ruf als Kulturmetropole gerecht zu werden. Die Hoffnungen ruhen auf dem Gotthard-Basistunnel. 2016 dauert die Bahnfahrt ins Palmenparadies Lugano nur noch eine Stunde. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, 15.4.2015)

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