IWF: Österreich in EU bei Wachstum weit zurück

14. April 2015, 17:33
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Die Eurozone soll nach den Prognosen des IWF stärker als gedacht wachsen. Österreich verliert dagegen den Anschluss

Washington - Olivier Blanchard, der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist ein Liebhaber von imposant klingenden Vergleichen. Das stellte der Franzose am Dienstag bei der Präsentation der IWF-Frühjahrsprognose in Washington einmal mehr unter Beweis. Mit der Weltwirtschaft verhalte es sich zurzeit wie mit einem Puzzle, bei dem jemand die einzelnen Teile gehörig durcheinandergewirbelt habe und man nun alles neu zusammensetzen müsse, sagte der Franzose.

Was er meint: Der Ölpreis ist in den vergangenen Monaten rapid gefallen. Der Euro und der japanische Yen haben deutlich an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren, weil die Zentralbanken in Tokio und Frankfurt mit Milliardeninterventionen die eigenen Währungen schwächen.

Gewinner sind Eurozone und Japan

Die große Frage ist nun: Wer profitiert von den Veränderungen? Blanchards Antwort in Washington: Der Gewinner sind die Eurozone und Japan. Verlierer sind alle Energieexporteure, aber aktuell auch die USA und China.

So geht der IWF davon aus, dass die Wirtschaft in der Eurozone 2015 um satte 1,5 Prozent und 2016 um 1,6 Prozent zulegen wird. Das ist um jeweils 0,3 Prozent mehr, als noch im Jänner erwartet wurde. Während der Ölpreisrückgang von 45 Prozent seit Herbst 2014 Russland und Venezuela als Ölförderländern zu schaffen macht, profitieren die Konsumenten in Europa. "Wir sehen bereits, dass den Menschen mehr Geld für Konsum bleibt", so Blanchard.

Der Wertverfall des Euro wiederum hilft Europas Exportindustrie. So zieht das Wachstum heuer nicht nur in Deutschland (1,6 Prozent) an. Besser sieht es auch für die Krisenländer Italien und Spanien aus. Auch die Risiken haben abgenommen: Noch vor kurzem hatte der IWF einer Rezession in der Eurozone eine Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent gegeben. Nun sind es 25 Prozent.

Österreich im Schlussfeld

Der große Wermutstropfen aus heimischer Sicht: Die Österreichprognose für 2015 hat der IWF auf plus 0,9 Prozent korrigiert. Noch im Oktober hatten die IWF-Ökonomen ein Plus von 1,9 Prozent erwartet. Österreich verliert damit in puncto Wachstum seine starke Position der vergangenen Jahre: 2015 wird in der EU die Wirtschaft nur in Zypern, Finnland, Italien und Kroatien schwächer wachsen als in Österreich.

Eine Begründung für die Delle gibt der IWF in seinem Bericht nicht. Danach gefragt, sagt der für Europa zuständige Ökonom Thomas Helbling dem STANDARD: "Verantwortlich sind mehrere Faktoren. Einer davon sind die anhaltenden Probleme der Banken in Österreich. Weil viele Institute mit ihren Bilanzen kämpfen, leidet die Kreditvergabe", so Helbling. Hinzu komme, dass die für Österreich so wichtige Region Südosteuropa weiterhin in der Krise steckt. Kroatien wächst kaum, Serbien ist weit in der Rezession. Dem wichtigen Partnerland Italien gehe es besser, "aber noch nicht gut". Und warum Deutschland Österreich davonziehe? "Die deutschen Unternehmen profitieren stärker von Exporten außerhalb Europas, etwa nach China."

Eine spannende Frage in Washington war, ob sich der Rest der Welt es lange gefallen lassen wird, dass die Zentralbanken in der Eurozone und in Japan die eigene Währung zugunsten der Exporteure schwächen. Der US-Dollar hat seit Herbst 2014 rund 14 Prozent gegenüber den wichtigsten Währungen der übrigen Industrieländer aufgewertet. Weil der chinesische Yuan an den Dollar gekoppelt ist, legte er auch zu. Für die Industrie in den USA und China ist die Situation also gefährlich. "Aber China und die USA stehen wirtschaftlich noch immer stärker da als Europa", sagte Blanchard. "Sie können das verkraften, so sie wollen." (András Szigetvari aus Washington, DER STANDARD, 15.4.2015)

  • In den vergangenen Jahren pflegte der IWF seine Zahlen immer wieder nach unten zu schrauben. Diesmal wurden die Erwartungen für die Länder der Eurozone nach oben korrigiert.
    foto: apa/fohringer

    In den vergangenen Jahren pflegte der IWF seine Zahlen immer wieder nach unten zu schrauben. Diesmal wurden die Erwartungen für die Länder der Eurozone nach oben korrigiert.

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