Splendid Isolation: Zu Gast im Graubündner Waldhaus

17. April 2015, 05:30
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Das Graubündner Waldhaus gilt als Institution. Zuletzt war es Kulisse für den Spielfilm "Die Wolken von Sils Maria". Zu Besuch in einem Grandhotel, das noch immer Familienbetrieb ist

Ein Herr, mit weißem Haar, mit gutem Schuhwerk und maßgeschneiderter Tweed-Sakkojacke sitzt nebenan und isst genüsslich eine "Tuorta da nuschs", wie hier die Bündner Nusstorte genannt wird, während man selbst fasziniert wie ein Kind rausschaut in diese Bilderbuchbergwelt und die vorderen roten Wagons über Viadukte schweben und in Tunnels eintauchen sieht. Gleich durchfahren wir den zweithöchstgelegenen Alpendurchstich, erklärt die freundliche schweizerdeutsche Stimme über die zum Unesco-Welterbe erklärte Zugstrecke.

foto: waldhaus/max weiss
Das Waldhaus: Wald, ja, aber Haus? Davor der Silverplanersee

Die Anfahrt mit der Rhätischen Bahn ist so, als würde man dem Himmel entgegenfahren. Wer dann im mondänen St. Moritz aussteigt und sich mit dem silbergrauen Hotelbus noch weiter bis nach Sils-Maria chauffieren lässt, ist dort, wo sich die Ortskurve in zwei Kurven noch einmal nach oben schlängelt, nicht nur dem Himmel ein Stück näher-, sondern gar dort angekommen.

"Es ist ein Schloss, eine Burg ..."

Grüezi, willkommen im Waldhaus! Niemand auf der Welt vermag einem so ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken wie ein guter Concierge in einem Grandhotel. Das Waldhaus. "Der Name ist ein Witz. Wald, ja, aber Haus?", schreibt die deutsche Autorin Elke Heidenreich in einer Anthologie des Weissbooks-Verlags, die sich ausschließlich diesem Hotel widmet. "Es ist ein Schloss, eine Burg, eine Festung, etwas Uneinnehmbares, Gewachsenes ..."

foto: waldhaus/ralph feiner
Der Blaue Salon

Für Neuankömmlinge ist es der beste Einstieg - nachdem man kurz auf dem frisch bezogenen Zimmer bemerken durfte, dass jedes Ding genau so aussieht, wie es auszusehen hat und man sich jetzt schon freut, abends in dieses Bett zu fallen und am Morgen den Blick auf die Berge zu haben -, sich erst einmal, wie vom Concierge angetragen, in die große Halle zu begeben. Denn nicht nur das Waldhaus, sondern auch seine täglichen Teekonzerte zwischen 16 und 18 Uhr sind eine Institution.

Das richtige Maß

Und wirklich. Wenn draußen vor den hohen Fenstern der großen Halle die letzte Sonne auf die Berge hinter den gigantischen Tannen fällt, herrscht hier drinnen eine wohlige Selbstvergessenheit in Pastelltönen, getragen von der wohlklingenden Musik des Waldhaus-Trios. Und die Gäste versinken - auch farblich höchst harmonisch - in den samtenen Fauteuils. Hier herrscht Schweizer Understatement und Mobiltelefonverbot, nur die pinken Krawatten der Kellner in ihren hellbeigen Anzügen sorgen für das richtige Maß an Zerstreuung, wenn man aus seiner großformatigen Zeitung aufschaut, während draußen endgültig die Dämmerung die Regie übernimmt.

foto: waldhaus/gian giovanoli
Hinter dem Waldhaus: der Piz Corvatsch

Das große Waldhaus in der kleinen Gemeinde am Silverplanersee mit nur 800 Einwohnern war schon öfters Kulisse für Theater- und Filmproduktionen. Zuletzt in "Die Wolken von Sils Maria" mit Juliette Binoche und Kristen Stewart. Felix Dietrich, der das Waldhaus mit seiner Frau Maria und seinem Schwager Urs Kienberger 35 Jahre lang geführt hat, erzählt begeistert: über die Dreharbeiten, die nachts von 23 Uhr bis 9 Uhr morgens stattfinden mussten, damit der Betrieb nicht gestört wird oder davon, wie er nicht ungern den Personenschutz für Juliette und Kristen übernahm.

Ein Schmuckkasten

Dietrich ist ein Profi: Kurzweilig, selbstbewusst, aber keine Sekunde überheblich führt er durch den blauen Salon mit seinem Welte-Mignon-Piano von 1910, das der Haustechniker mit viel Geduld wieder in Schwung gebracht hat. Das Lesezimmer, die Arven-, also Zirbenstube, selbst die neue Raucherlounge ist ein Schmuckkasten. Der Hochzeits- beziehungsweise Speisesaal wird öfter zur Bühne. So viele Namen und Geschichten trägt dieses Haus schon in sich. Marthaler-Stücke, Hesse-Tage, Nietzsche-Kolloquium.

foto: waldhaus/gian giovanoli

Je länger der Waldhaus-Spaziergang dauert, desto klarer wird: Das Haus mag berühmt sein für seine Gäste, das Kapital sind aber seine 145 Mitarbeiter. Gut kümmern muss man sich um beide. Vielleicht ist das die Rezeptur für das Kunststück, das diesen Hoteliers bis heute gelingt: Ein Grandhotel dieser Größenordnung immer noch als Familienbetrieb zu führen.

Obwohl das Waldhaus-Schiff mit seinen unterirdischen Etagen - Kapelle, Weinkeller, Wäscherei, Mitarbeiterrestaurant, Museum etc. - nach dem Prinzip Eisberg funktioniert, ist es wie ein hauspolitisches Statement, dass sich die Küche auf einer Ebene mit dem Speisesaal befindet. Kurt Röösli, Jahrgang 1965, steht am großen Arbeitstisch unter den hohen Fenstern, die Sonne scheint auf sein glattes Haupt. Als Küchenchef sorgt er hier schon seit 1996 mit seinem Team für kulinarischen Aufschwung. So, nun muss er weiter, schließlich müssen noch 200 bis 300 Leute versorgt werden, alles auf Fünfsterneniveau.

Kein Glamour

Hans-Jürg Schilling, laut Eigendefinition Gastrosoph, aber Schweizer Anwalt im Ruhestand, ist nicht nur von Rööslis Kreationen begeistert. Er kommt seit 20 Jahren, "weil hier immer alles gleich bleibt", denkt dann nach und korrigiert sich: "Nein, das Waldhaus ist mit meinen Ansprüchen mitgewachsen." Zufrieden lässt er seinen Blick durch den Speisesaal schweifen: "Schauen Sie, hier gibt es keinen Glamour!"

Schräg gegenüber am Tisch ein Paar aus dem Ruhrgebiet, das sich vor 25 Jahren vorgenommen hat, nur einmal hier zu übernachten, es kommt auch schon zum fünften Mal. Allerdings, sagt die Frau nach einem Räuspern, hätten sie dieses Jahr fast absagen müssen: "der Franken!" Beide rollen die Augen, das sind gleich 30 Prozent mehr. Aber das Haus, wäre "ein bisschen flexibel gewesen". Jetzt feiern sie ihren 30. Hochzeitstag doch noch hier.

foto: waldhaus/stefan pielow
Splendid Isolation: "Das Weltende könnte stattfinden, und man würde davon erst eine Woche später erfahren, durch eine unaufgeregte Information des Portiers", schreibt Autor Martin Mosebach in "Wie groß ist die Welt und wie still ist es hier" (Weissbooks).

Applaus! Aber der gilt jetzt vor allem der illustren Untermalung eines köstlichen Fünf-Gänge-Menüs: Zwei Alleinunterhalter stehen verdutzt auf der Bühne, sie sind "versehentlich von Junior- und Seniorchef gleichzeitig gebucht worden". Die Generationenübergabe, die im Waldhaus derzeit über die Bühne geht, als Theater für die Gäste. Einer der beiden Künstler heißt dazu noch Jürg Kienberger, jüngster Bruder der Seniorchefin und als Schauspieler (u. a. Marthaler) dem Hotel stets verbunden.

Mit dem Fahrrad durch die Korridore

In seinen "Notizen eines Hotelkindes" lässt sich nachlesen, wie es sein muss, hier aufzuwachsen im Wechsel zwischen Winter- und Sommersaison, Grandhotelbetrieb und Schließzeiten, sogenannten Zwischensaisonen: "In Windjacke und Wollschal gepackt, fuhren wir mit dem Fahrrad durch die langen ungeheizten Korridore und leer geräumten Säle. Die Teppiche waren aufgerollt, die Möbel weggestellt und alles unter Leintücher gepackt." Wie viel Geschichte und Geschichten sich in 107 Jahren angesammelt haben: Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise und dann die Last der Nachkriegsjahre, mit dem alten Kasten nichts Modernes bieten zu können.

foto: waldhaus/martin volken
Das Stiegenhaus

"Damit alles so bleibt, muss sich immer wieder viel ändern!", steht im Hausprospekt. Sprich: "Es muss immer investiert werden", weiß Patrick Dietrich, Juniorchef, der zusammen mit seinem Bruder jetzt in fünfter Generation die Geschäfte führt. Sein Nachsatz: "Aber natürlich so, dass es niemandem auffällt", sagt er lächelnd. Auch das hat eine lange Tradition: 1970 das Hallenbad, im Laufe der Jahrzehnte 150 Badezimmer statt der ursprünglichen 40, Tiefgaragen mit über 100 Plätzen, der Anbau am Speisesaal (1978), Heizzentrale, Tennishalle, Konferenzräume ...

Wäre da nicht der starke Franken

Die Gäste sind streng. "Wehe, Sie machen uns das Waldhaus kaputt!", haben sie 1991 zu seinem Vater gesagt, als die Halle für drei Millionen Franken vergrößert wurde. In der letzten Zwischensaison wurden wieder 5.000 Kubikmeter aus dem Felsen gesprengt, damit der Wellnessbereich "unauffällig" bis Ende 2016 wachsen kann. Seit 12. April hat das Waldhaus geschlossen. "Aber Arbeit", sagt der junge Familienvater, "gibt es natürlich genug." Auch das ist schon seit Generationen so. Patrick freut sich schon, wenn es erneut losgeht: "Mindestens so, wie wenn wir schließen!", lächelt er dieses bescheidene wie selbstbewusste Lächeln: "Wenn nicht sogar mehr!" Am 17. Juni öffnet das Waldhaus wieder. Ach, wäre da nicht dieser starke Franken. (Mia Eidlhuber, Rondo, DER STANDARD, 17.4.2015)

Diese Reise erfolgte auf Einladung des Waldhauses (www.waldhaus-sils.ch).

Doppelzimmer mit Halbpension ab 464 CHF (450 Euro).

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