In London bröckelt das Parlament

14. April 2015, 07:46
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Wegen der anstehenden teuren Renovierung träumen einige von einer neuen Hauptstadt, um die Machtkonzentration in London zu beenden

Ratten jagen durch die Gänge, es regnet durchs gusseiserne Dach, und Mobilfunkempfang hat man bestenfalls sporadisch. Allerorten zieht es, weil viele der 3000 Fenster nicht mehr recht schließen. In den Aufzügen des britischen Parlaments bleiben gern einmal Abgeordnete stecken, was der demokratischen Meinungsfindung nicht unbedingt zuträglich ist. Kein Zweifel, der Palast von Westminster ist baufällig. Die umfangreichen Renovierungsarbeiten sollen umgerechnet mehr als vier Milliarden Euro ausmachen.

Nachdem ein gewaltiges Feuer 1834 den ursprünglichen Palast zerstörte, entstanden die Kammern von Ober- und Unterhaus als Monumentalbau des viktorianischen Zeitalters. Dann vernichteten deutsche Fliegerbomben im Mai 1941 den Plenarsaal des Unterhauses, woraufhin die Abgeordneten über einen Neubau diskutierten. Ob man wie anderswo auf der Welt einen Halbkreis bauen solle? Nein, beharrte Kriegspremier Winston Churchill, die Kammern veranschaulichen das Zweiparteiensystem, und das sei die Essenz der britischen Demokratie: "Wir formen unsere Gebäude, und anschließend formen sie uns."

Zu wenige Damentoiletten

Genau dies legen Kritiker dem Palast zur Last: Das Gebäude biete emotionale Heimstatt nur jenen, die von ihren Privatschulen und Elite-Unis her an altehrwürdige Gemäuer gewöhnt sind. Außerdem wirke angesichts der neuen Vielfältigkeit in der britischen Politik die auf zwei Parteien ausgelegte Kammer antiquiert. Und dann gibt es noch handfeste Nachteile des alten Gebäudes: Den zuletzt 139 Frauen unter den 650 Volksvertretern stehen viel zu wenige Toiletten in der Nähe des Plenarsaals zur Verfügung. Wer dort nicht zum Zuge kommt, erinnert sich die konservative Exabgeordnete Ann Widdecombe, "geht den Korridor entlang, eine Treppe hinunter, einen weiteren Korridor entlang und wendet bei den Geldautomaten rechts".

Man möchte den Klotz nicht missen, schon der Touristen wegen. Aber ist er noch geeignet als Parlament für das 21. Jahrhundert? "Wäre es nicht von höchster Bedeutung als nationales Kulturerbe, würde man den Abbruch und Wiederaufbau nahelegen", heißt es in einem Expertenbericht von 2012. Stattdessen sollen die Parlamentarier bald ihren eigenen Umzug beschließen. Denn die Experten lassen keinen Zweifel daran: So weiterwursteln wie bisher geht nicht, für den nötigen Radikalumbau brauchen Handwerker einige Jahre lang freie Hand.

Hull als neue Hauptstadt gefordert

Schon lässt die Lokalzeitung von Manchester ihre Leser nach Ausweichquartieren in der nordenglischen Metropole suchen. Der Londoner Mieterschutzbund möchte die ungeliebten Politiker ins freudlose Hull schicken, dort befinden sich die Mieten auf einem landesweiten Tiefststand. Und mit dem Parlament solle auch gleich die Regierung umziehen, argumentieren manche: Eine Hauptstadt im Norden würde die enorme Konzentration von Politik, Wirtschafts- und Finanzmacht in London brechen, die es in anderen englischsprachigen Ländern wie den USA, Neuseeland oder Australien so nicht gibt.

Freilich spricht viel, nicht zuletzt der sprichwörtliche Pragmatismus der Briten, dafür, dass es doch zu einer nähergelegenen Lösung kommt. Alte Gebäude gäbe es in London schließlich genug. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 14.4.2015)

  • So imposant das Oberhaus auch ist, das britische Parlament benötigt trotzdem  eine Runderneuerung.
    foto: foto: ap / suzanne plunkett

    So imposant das Oberhaus auch ist, das britische Parlament benötigt trotzdem eine Runderneuerung.

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