Welches Haus? Welche Geschichte? Welches Österreich?

Kommentar der anderen13. April 2015, 17:03
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Es ist de facto unmöglich, die österreichische Geschichte erst ab 1918 zu erzählen. Wenn es im geplanten "Haus der Geschichte" dennoch versucht wird, dann sollte man dringend an eine Umbenennung denken

Das von einem Team unter der Leitung von Claudia Haas erarbeitete, im Juli 2009 vorgelegte, lange Zeit unter Verschluss gehaltene und erst kürzlich auf der Homepage des Bundeskanzleramtes veröffentlichte Konzept für ein "Haus der Geschichte Österreich(s)" wird wohl als Grundlage für das endgültige Konzept des Museums dienen, das seit den 1980er-Jahren unter verschiedenen Namen diskutiert wurde und das im Herbst 2018 in der Wiener Hofburg eröffnet werden soll.

Tiefenbohrungen

Es handelt sich dabei um Vorschläge für die Gestaltung eines Museums der österreichischen Geschichte seit der Gründung der Republik Deutschösterreich. In dem mit dem Jahr 1918 beginnenden permanenten Teil des Ausstellungsbereichs sind "Tiefenbohrungen" zu ausgewählten Themen und Ereignissen der österreichischen Zeitgeschichte vorgesehen. Dabei soll grundsätzlich "jeweils so weit in die Geschichte vor 1918 zurückgegangen [werden], wie dies dem Thema entsprechend notwendig und sinnvoll ist". Beim Thema "1942 Wannseekonferenz (Involvierung von Österreichern in NS-Verbrechen)" beispielsweise soll bis zur "Judenvertreibung unter Leopold I." 1670 (aus Wien und Niederösterreich) und zur "Judenverfolgung und Liquidierung des Wiener Ghettos" im Jahr 1421 "zurückgegangen" werden.

Abgesehen davon, dass in der Liste die Vertreibung der Juden aus der Steiermark und Kärnten 1496/97 ebenso fehlt wie die auch zur österreichischen Geschichte gehörende Niedermetzelung eines Großteils der jüdischen Gemeinde von Ofen (Buda) im Zuge der Eroberung der alten Hauptstadt Ungarns 1686 oder die Vertreibung der Juden aus Prag und Böhmen auf Befehl Maria Theresias 1744, ist es problematisch, die jüdische Geschichte Österreichs und das jahrhundertelange Mit- und Nebeneinander von Juden und Nichtjuden in den österreichischen Ländern auf die Vorgeschichte der Shoah zu reduzieren.

Das gilt auch für die Beziehungen und Kulturkontakte zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich, die im Museumskonzept auf "Wurzeln" des "Gastarbeiterabkommens" mit der Türkei (1964) reduziert werden, oder die Zugehörigkeit der österreichischen Länder zum Heiligen Römischen Reich bzw. zum Deutschen Bund, die im Konzept nur als (nicht ausdrücklich so bezeichnete) "deutsche Frage" unter den "Wurzeln" des "Anschlusses" von 1938 aufscheint.

Die österreichische Geschichte vor 1918 wird auf diese Weise zur bloßen "Vorgeschichte", zu einer historiografischen und museologischen Kolo- nie der österreichischen Geschichte nach 1918 gemacht. Das historische Gedächtnis der meisten Österreicherinnen und Österreicher ist bekanntlich kurz. Wäre es nicht Aufgabe einer verantwortungsbewussten und kreativen Kulturpolitik, dieser Amputation der - selbstverständlich nur im europäischen Kontext sinnvoll analysier- und darstellbaren - nationalen Geschichte entgegenzuwirken?

Der Name "Haus der Geschichte" wurde seinerzeit offenbar von dem 1994 eröffneten Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in der Hauptstadt der "Bonner Republik" übernommen, dessen Dauerausstellung der deutschen Geschichte von 1945 bis zur Gegenwart gewidmet ist, wofür mehr als 4000 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Das Bonner Haus der Geschichte ergänzt und vertieft im Hinblick auf die Geschichte der BRD und des geteilten Deutschland nach 1945 das 1987 gegründete und 2006 in der alten und neuen deutschen Hauptstadt Berlin eröffnete Deutsche Historische Museum (DHM), das räumlich und ideell an die Stelle des von 1952 bis 1990 existierenden Museums für Deutsche Geschichte, des zentralen historischen Museums der DDR, trat. Die ständige Ausstellung des DHM bietet auf 8000 Quadratmetern einen instruktiven Überblick über die "gesamtdeutsche Geschichte" von Karl dem Großen bis zur "Wiedervereinigung" 1990.

Die für das "Haus der Geschichte" in der Wiener Hofburg vorgesehenen Räume sind demgegenüber nur ca. 3000 Quadratmeter groß. Es ist klar, dass auf dieser Fläche kein Museum der österreichischen Geschichte unter Einschluss der Geschichte der Habsburgermonarchie untergebracht werden kann, sodass schon aus diesem Grund das Wiener Heeresgeschichtliche Museum weiterhin das einzige Museum bleiben wird, das der österreichischen Geschichte vom 16. bis zum 20. Jahrhundert gewidmet ist, freilich nur einem Aspekt, der Militär- und Kriegsgeschichte.

Zwei Schlüsse

Das an dieser Stelle angezeigte Plädoyer für einen auch architektonisch ein Ausrufezeichen setzenden Museumsneubau und die Ausweitung des Gegenstands des "Hauses der Geschichte Österreich(s)" auf die Geschichte der Habsburgermonarchie erspare ich mir wegen Aussichtslosigkeit. Nicht verzichten kann ich hingegen auf zwei aus der derzeitigen Planung unweigerlich folgende Schlüsse. Erstens: Wenn es kein "Haus der Geschichte" geben wird, sondern nur einige "Zimmer der Geschichte", dann muss dafür ein neuer Name gefunden werden. Zweitens: Wenn sich die neue Institution nur der Geschichte der Republik seit 1918 widmet und nicht, wie es in dem bekannten Gedicht Österreich von Gerhard Fritsch heißt, "Österreich mit seiner Geschichte der ganzen", dann muss das ebenfalls in ihrem Namen zum Ausdruck gebracht werden. (Thomas Winkelbauer, DER STANDARD, 14.4.2015)

Thomas Winkelbauer (58) ist Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und lehrt österreichische Geschichte an der Universität Wien.

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