Der Turmbau zu Barcelona

Blog14. April 2015, 08:00
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Eine Rätseljagd und Castellers-Übungen auf dem Marktplatz

"Kinder, tuts euch bitte nicht weh!", lautet der Standardsatz meiner älteren Lieblingschwester. Daran musste ich während eines verspäteten Frühstücks denken. Der Frühling zeigte endlich sein sonniges Gemüt, und die Leute trauten sich wieder aus ihren Häusern. Und wer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist, kann auf spontane "Menschentürme" treffen.

Ich traf mich Samstagmorgen mit meinen Freunden gegen 10 Uhr zu einem ausgewogenen Frühstück beim Mercat del Clot. Clot ist ein nettes Viertel in Barcelona mit Kleinstadtcharakter, das vom Massentourismus bisher noch verschont geblieben ist. Vor der Markthalle im Zentrum des Stadtteils breitet sich ein kleinerer Platz aus mit einigen guten Cafés und Bars zum gemütlichen Zeitvertreib.

"Castellers" üben

Nichtsahnend neigte ich also meinen Kopf Richtung Sonne und sah wie eine kleine Truppe Katalanen "Castellers" übte. Später erfuhr ich, dass am Sonntag eine Diada de la Independència stattfinden würde – eine Art Tagung für die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien.

foto: johanna hofbauer
Beliebter Volkssport: "Menschentürme" bauen.

Normalerweise würde man rund um den Turm eine Menschentraube sehen. Das sind irgendwelche Leute, die gerade da sind und Zeit haben. Und diese netten Menschen fangen im Notfall herabfallende "Casteller"-Künstler auf. Aber gut – der Sturz aus dieser Höhe wäre zu überleben.

Spannende Rätseljagd

Der Grund für unser Treffen war der dreißigste Geburtstag von Freunden – ich habe also etwas Besonderes geplant. Stichwort: "Room Escape". Man zahlt 42 Euro pro Gruppe und lässt sich in einen Raum einsperren. Anschließend hat man eine Stunde Zeit, den Ausweg zu finden. "Room Escape" gibt es in verschiedenen Formaten. In "Cronologic" ging es um eine Zeitreise. Wir reisten 20 Jahre in die Vergangenheit, um die Pläne der Zeitmaschine vor den Fängen eines vermeintlich verrückten Wissenschafters zu retten. In diesem Spiel ist vor allem Teamwork gefragt – und starke Nerven. Die Zeit verging wie im Flug, und wir lösten das Rätsel in Minute 49'43''.

foto: johanna hofbauer
Zeitreise geschafft! Vom Raum gibt es keine Fotos, weil man zu viel verraten könnte.

"Room Escape" ist beliebt in Barcelona. Ich kann "Cronologic" in jedem Fall empfehlen, Spanischkenntnisse sind nicht notwendig. Eine gute Alternative für Städtereisende bietet auch "The Escape Hunt Experience". Zwar ist das Spiel etwas teurer, aber dafür hat man mehrere Varianten zur Auswahl. Die Spielhandlungen basieren auf wahren Begebenheiten und erzählen spannende Geschichten der Stadt. Zudem liegt "The Escape Hunt Experience" fast neben der "Sagrada Familia", die man sich unter keinen Umständen entgehen lassen darf.

Kurzer Strandausflug

Da wir in mehreren Gruppen nach Hinweisen gejagt haben, hat es etwas länger gedauert. Ansonsten sollte man 1,5 Stunden einberechnen. Ein persönlicher Tipp von mir: Wenn Sie beim Mercat del Clot essen, können Sie danach direkt weitergehen durch den Park, über die Gran Via de les Corts Catalanes und einfach der Carrer de Llacuna folgen. Die Straße führt direkt zum Meer. Die Wassertemperatur ist vielleicht noch etwas frisch, aber in der Sonne kann man zu der Jahreszeit herrlich baden. Außerdem ist der Strand noch einigermaßen leer. Mit dem Fahrrad war der Strand nur noch einen Katzensprung entfernt.

foto: johanna hofbauer
Mit dem Rad schnell am Strand.

Wir radelten also entspannt einige Kilometer den Strand entlang. Wer besonders motiviert ist, kann die ganze Küste bis nach Frankreich radeln. Als es langsam Abend wurde, haben wir wieder umgekehrt.

Kleine Katalanen ganz groß

Denn meterhohe Menschentürme erwarteten uns im Hipster-Viertel Gracia. Wir spazierten gemütlich durch die kleinen Gassen, holten uns in einer kleinen Eisdiele hausgemachtes Ziegenkäseeis und marschierten weiter. Gracia ist ideal für Städtebummler: ein Labyrinth aus kleinen Gassen, wirklich besondere Geschäfte und jede Menge öffentlicher Plätze. An einem dieser Plätze versammelte sich eine riesige Menge katalanischer Katalanen. So nennen die Spanier die Unabhänigkeitsfans.

Weiße Hose, rotes Hemd, schwarzer Bund. Die katalanischen Katalanen haben die Diada mit einer sogenannten Pilar eröffnet. Eine Pilar ist eine Menschensäule, umrundet von einer riesigen Menschentraube für den Fall der Fälle, die sich von der einen Seite des Platzes zur anderen Seite bewegt. Das ist eine besonders heikle Angelegenheit und nimmt so ihre Zeit in Anspruch. Schließlich soll ja auch alles gutgehen.

foto: johanna hofbauer
Die Allerkleinsten durften an die Spitze des "Castells".

Alle machen mit

Später schwärmten die Rekrutierer aus und zogen Zuschauer in die Menschentraube hinein. Je höher der Turm werden soll, desto mehr Helfer benötigt man. Ein Mann, der der Chef der Truppe zu sein schien, schrie plötzlich irgendetwas Unverständliches in die Menge, und alle klumpten sich zu einem Haufen zusammen. Mein Kopf rastete auf dem schweißnassen Rücken eines wildfremden Mannes, und ich durfte mich nicht mehr bewegen. Die stärksten und größten Männer bildeten einen Kreis. Eine zweite und dritte Reihe kam dazu. Nun schwangen sich die kleinen Kinder wie behände Affen mit Sturzhelmen in die schwindelerregenden Höhen. Die Allerkleinsten durften an die Spitze, breiteten kurz ihre Arme aus und glitten an den Turmspezialisten wie an einem Masten gleich wieder herunter. Der Turm wurde langsam wieder abgebaut.

Aber das Spektakel ging jetzt erst so richtig los. Denn zwei weitere Gruppen Castellers waren zum Wettkampf bereit. Der schönste, tollste oder größte Turm sollte gewinnen. (Johanna Hofbauer, derStandard.at, 14.4.2015)

Johanna Hofbauer lebt in Barcelona und bloggt auf derStandard.at/Reisen über "Barcelona und noch Meer".

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