Boris Eifman: Wie die Gisi so rotleidet, dass sie darob in Geistesnächte sinkt

13. April 2015, 17:38
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Ballettpremiere in der Volksoper

Wien - Russland, einige Jahre vor der Oktoberrevolution. Dreizehn Spitzentänzerinnen hüpfen im Ballettsaal des Mariinski-Theaters in St. Petersburg. Von einer der jungen Ballerinen ist ihr Lehrer, ein sadistischer Geck, besonders angetan: Olga Spessiwzewa. Sie avanciert zu einer der meistgerühmten Ballerinen ihres Landes.

So beginnt Giselle Rouge des 68-jährigen russischen Choreografen Boris Eifman. Mit diesem 1997 uraufgeführten Stück, das vergangenen Sonntag in der Volksoper Premiere mit dem Wiener Staatsballett hatte, wollte er der Tänzerin ein Denkmal setzen.

Die Figur der Spessiwzewa (1895-1991), getanzt von Olga Esina, erlebt in Eifmans zweiaktigem Erzählballett die Revolution. Ein Bolschewiki-Funktionär drängt sie zur Liebe: Boris Kaplun, mit dem Spessiwzewa dann eine Zeitlang verehelicht sein sollte. Dämonisch verkörpert von Kirill Kourlaev, trägt er in Giselle Rouge Ledermantel, enge Hosen, ein Gilet auf bloßer Haut, alles in Schwarz.

Keine historisch stimmige Kostümierung, denn Eifman nimmt da den Geheimdienst an sich aufs Korn. In diesem Zusammenhang sollte korrekterweise daran erinnert werden, dass die Sowjets das Ballett nicht beseitigten - ganz anders als die moderne russische Avantgarde, die Mitte der 1920er- Jahre gnadenlos ausradiert wurde.

Im Stück ist zu sehen, wie Olga Spessiwzewa 1924 die Sowjetunion verlässt. Das Publikum folgt ihr nach Paris, wo sie sich einen westlichen, weicheren Ballettstil aneignet, den Eifman gleich postmodern aufpeppt. Wieder hat Olga kein Glück mit der Liebe. Sie verschaut sich in einen Tanzpartner, der sich aber eher zu Männern hingezogen fühlt. Dieser dekadente Westen. Zum Verrücktwerden. Tatsächlich verfällt die begnadete "Giselle"-Tänzerin in geistige Umnachtung. Eine anrührende Geschichte bis zum Ende, wenn Spessiwzewa sich in den Spiegelungen ihres Seelenschmerzes verliert.

Musikalisch geht das mit dem Orchester der Volksoper unter Andreas Schüller im ersten Akt mit Tschaikowski und Schnittke ab, im zweiten kommen Charleston dazu, Adolphe Adams Giselle-Klänge und einige Sätze von Bizet. Und zwar in einem hausbackenen Bühnenbild von Wiacheslav Okunev. Lustig waren einige Hoppalas erstens bei den Szenenübergängen, zweitens der Bühnentechnik und drittens bei den Tänzern.

Tapfere Olga

In Russland ist Eifman ein vielfach ausgezeichneter Zampano. In Europa lösen seine Arbeiten bei Publikum und Kritik nicht immer Begeisterung aus. In der Volksoper hat er 2006 seine im Jahr davor uraufgeführte Anna Karenina vorgestellt, und beim Neujahrskonzert 2004 gab es Balletteinlagen nach seiner Choreografie zu sehen. Dass er sein Handwerk effektvoll nutzt, ist klar. Aber ebenso, dass er es leidenschaftlich gern ein bisserl billig gibt und kein Alzerl Scheu vor plumpen Klischees hat. Das russische Ballett jedenfalls erscheint bei ihm mit tiefergelegter Karosserie. Seine Themen rühren das nationale Herz auch von Präsident Putin.

Eine Tapferkeitsmedaille hat jedenfalls Olga Esina verdient, die sich durch die anstrengende Rolle der roten Gisi anstandslos mit einer Leidensfähigkeit durchtrotzt, als gäbe es kein Morgen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 14.4.2015)

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