Atlético, das andere Madrid

13. April 2015, 18:35
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Ärmer und weniger erfolgreich als Real, blickt Atlético auf eine bewegte Vergangenheit zurück - und könnte dem großen Nachbarn im dienstäglichen Viertelfinal-Duell auch sehr gefährlich werden

Madrid/Wien - Auch wenn die aus Bilbao oder Valencia es vielleicht bestreiten würden: die Nummer drei in Spaniens Fußball-Hierarchie ist Atlético Madrid. Zehn Meisterschaften und ebensoviele Pokalsiege konnten sich die Rot-Weißen in ihrer Geschichte bereits ans Revers heften – und stehen doch im ewigen Schatten von Barcelona und Real.

Das Derbi madrileño im Viertelfinale der Champions League am Dienstagabend (20.45 Uhr) ist zweifelsohne eine brisante Begegnung - und in gewisser Hinsicht ja auch eine Revanche für das Endspiel 2014. Dieses war dramatisch verlaufen, die perfekt getaktete Kampfmaschinerie des Diego Simeone hatte das Weiße Ballett damals am Rande der Niederlage, ehe Sergio Ramos in letzter Minute ausglich und die Verlängerung erzwang. Dort setzte sich der Favorit dann mit 4:1 durch. Immerhin, Atlético hielt sich mit dem ersten Triumph in der Primera División seit 1996 schadlos.

Und doch, ein bisschen gewinnt man den Eindruck, der kleinere Nachbar wäre für die stets etwas anmaßenden Königlichen nicht ganz satisfaktionsfähig. Andererseits, wer ist das schon, für den glänzendsten Klub der Welt? Dessen erster Blick jedenfalls geht stets Richtung Katalonien, denn die hauptsächliche Verwerfung in der iberischen Fußballgeologie (und darüber hinaus) verläuft eben zwischen dem kastilischen Zentrum und dessen nördlichem Antagonisten.

Während der Erfolg zum Kern des Raison d'Être Reals wurde, machte Atlético aus der Verachtung eine Tugend und positionierte sich als der etwas rauhe Underdog aus der Vorstadt. Besonders intensiv gepflegt wurde das Wir-gegen-alle-Image während der irrwitzigen, psychopatische Züge annehmenden Ära des Jesús Gil. Der von 1987 bis 2003 als Präsident amtierende Geschäftsmann und Bürgermeister von Marbella witterte hinter jeder Niederlage seiner Mannschaft eine großangelegte, eigentlich gegen ihn selbst gerichtete Verschwörung von links.

Unter Gil holte Atlético zwar 1996 das Double, vier Jahre später jedoch musste der Verein erstmals seit 64 Jahren wieder den Gang in die zweite Liga antreten. Eine Meisterleistung Gils war die Einsparung der Nachwuchsakademie 1992, ein talentierter Bursche namens Raúl versuchte sein Glück daraufhin bei Real. 2002 wurde Gil aufgrund massiver Veruntreuungs-Vorwürfe in Haft genommen, ein Jahr später trat er schließlich als Präsident zurück. Die Gesänge der eigenen Fans waren da schon unüberhörbar geworden: "Gil cabrón fuera del Calderón" (Gil, du Arsch, verschwinde aus dem Calderón), klang es immer öfter von den Rängen. Auch nach dem Abgang des Presidente blieb die Familie Gil jedoch tonangebend, Sohn Miguel Ángel Gil Marín ist weiterhin größter Anteilseigner Atléticos.

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Jesús Gil war stramm rechts, homophob, sexistisch, Chef seiner eigenen Partei - und 16 Jahre lang Präsident von Atlético Madrid.

In den ersten 25 Jahren des spanischen Ligabetriebs war der Klub die Nummer eins der Hauptstadt. Ehe die Ankunft Alfredo Di Stéfanos Real in andere Sphären katapultieren sollte, hieß der Champion 1940, 1941, 1950 und 1951 Atlético.

Metamorphosen

1903 war der Klub unter dem Namen Athletic Club de Madrid von drei baskischen Studenten der Hochschule für Bergbauwesen als Filiale Athletic Bilbaos formiert worden, ihrer geistigen Heimat. Es sollte einige Zeit dauern, bevor er Eigenständigkeit erlangen sollte. Die Gründungsstatuten glichen dem Vorbild aufs Haar, auch die Vereinsfarben blau-weiß waren dieselben. Erst 1911 wechselte man – in dieser Hinsicht Bilbao um einige Jahre voraus - zum mittlerweile berühmten rot-weiß. Diese Kombination war in der Frühzeit des spanischen Fußballs eine beliebte, weil billige Panier. Offenbar wurde solcherart gefärbter Stoff in großer Menge zur Herstellung von Matratzenbezug produziert und war daher für relativ wenig Geld verfügbar. Der Spitzname Colchoneros, Matratzenmacher, kommt daher und hat sich bis heute gehalten.

Die erste Großtat des Klubs, die Meisterschaft von 1940, wurde in einer Manier realisiert, die sich auf das Schönste in das Selbstbild einfügt. Athletic war durch den Bürgerkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden: weder eine ausreichende Anzahl Kicker, noch eine funktionsfähige Spielstätte standen zur Verfügung. Die Verantwortlichen entschieden sich daher 1939 zu einer Fusion mit der Luftwaffenmannschaft Aviación Nacional. Da Athletic 1936 sportlich abgestiegen war, konnte der neu formierte Athletic-Aviación Club (kurz darauf zwangsweise zu Atlético-Aviación spanifiziert) nur deshalb an der ersten Friedenssaison der Primera überhaupt teilnehmen, da Oviedo nicht in der Lage war, seinen Platz einzunehmen.

Die vom großen Ricardo Zamora gecoachte Mannschaft erwiese sich als Offenbarung und gewann nach spannedem Saisonverlauf und langem Kampf mit dem FC Sevilla aus dem Nichts den Titel. Begonnen hatte man die Spielzeit in Reals altem Estadio de Chamartín. In dieser Zeit gelang auch der bis heute höchste Erfolg gegen die Königlichen: 1947, jenem Jahr als man sich schließlich auch auf den seither gültigen Namen Atlético festlegte, war am 9. Spieltag von La Liga ein grandioses 5:0 zu notieren.

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In der laufenden Saison konnten die Rojiblancos zum ersten Mal seit 1950/51 wieder beide Ligaspiele gegen Real für sich entscheiden (2:1 A/4:0 H). Auch in der zweiten Runde der Copa del Rey (2:0/2:2) sowie im Supercup (1:1/1:0) düpierte man den großen Gegner.

Die Argentinien-Connection

Trainer Diego Simeone steht mit seine Philosophie in einer gewissen Tradition argentinischer Härte, die bei Atlético einst sein Landsmann Juan Carlos Lorenzo begründet hatte. Lorenzo gehörte zu jener Fraktion von Modernisierern, die dem argentinischen Fußball nach dem Schock krachender Offenbarungseide auf internationalem Parkett (1:6 gegen die CSSR bei der WM '58) im Lauf der 1960er Jahre die Verliebtheit in barocke Schönspielerei ausgetrieben hatte.

Nachdem Lorenzo bereits zwei Mal die Albiceleste trainiert hatte, übernahm er 1973 als Nachfolger von Meistermacher Max Merkel Atleti. Unter Lorenzo gewannen die Spanier kurioser Weise 1974 den Weltpokal, obwohl man doch im Endspiel des Europacups der Meister Bayern München unterlegen war. Die Deutschen aber hatten auf den damals in Hin- und Rückspiel ausgetragenen Vergleich mit dem Champion Südamerikas verzichtet. So setzte sich Atlético gegen CA Independiente aus Lorenzos argentinischer Heimat durch.

Simeone selbst gab dann im Mittelfeld des legendären, aber (zumindest außerhalb rot-weißer Zirkel) nicht unbedingt geliebten Double-Teams von 1996 den knurrigen Chef. Verteidiger Juan Manuel López, der seine gesamte Karriere im Atlético-Shirt absolvierte, stand sinnbildlich für dessen Herangehensweise: in seinen ersten 65 Matches soll López nicht weniger als 44 Mal verwarnt worden sein.

Als Simeone 2011 als Coach ins Calderón zurückkehrte, brachen für den Verein rosige Zeiten an: Triumph in der Europa League, im Pokal und 2014 endlich auch der Gewinn der langersehnten zehnten Meisterschaft - eine kleine Décima immerhin. Die Anhängerschaft kam aus dem Feiern an traditionellen Ort, dem Madrider Neptunbrunnen, kaum mehr heraus. Erst kürzlich verlängerte der 44-Jähige seinen Vertrag bis 2020.

Am Dienstag baut Simeone auf die Heimstärke seiner Mannschaft, die in dieser Spielzeit in der Champions League bislang alle vier Spiele gewonnen hat. Und obwohl sie sich wohl nicht mehr auf dem Niveau des Vorjahrs befindet, ist die Elf aufgrund ihrer grimmigen Passion immer noch in der Lage, spielstärkeren Gegnern das Leben überaus schwer zu machen. "Wir haben mit unseren Fans im Rücken bislang zu Hause überzeugt. Daran wollen wir anknüpfen", sagte der französische Torjäger Antoine Griezmann, der bei der Generalprobe, einem 2:2 in Malaga, seine Saisontore 17 und 18 erzielt hatte. Ebenfalls von Vorteil: Mario Mandzukic ist rechtzeitig vor dem Prestigeduell wieder fit. (Michael Robausch - 13.4. 2015)

foto: ap/de olza
Mit Diego Simeone kam der Erfolg zurück an den Rio Manzanares, an dessen Gestaden Atléticos Estadio Vicente Calderón pickt.

Die Viertelfinali am Dienstag:

Atletico Madrid - Real Madrid

Atletico: Oblak - Juanfran, Miranda, Godin, Jesus Gamez - Tiago, Koke, Gabi, Arda - Mandzukic (Torres), Griezmann. - Trainer: Simeone

Real: Casillas - Carvajal, Pepe, Sergio Ramos, Marcelo - Modric, Kroos, James - Bale, Benzema, Ronaldo. - Trainer: Ancelotti

Juventus Turin - AS Monaco

Turin: Buffon - Lichtsteiner, Bonucci, Chiellini, Evra - Vidal, Pirlo, Marchisio - Pereyra - Morata, Tevez. - Trainer: Allegri

Monaco: Subasic - Raggi, Wallace, Abdennour, Kurzawa - Fabinho, Kondogbia - Dirar, Joao Moutinho, Martial - Berbatow. - Trainer: Jardim

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