Salman Rushdie: "Schlage für ihn die Trommel, kleiner Oskar"

13. April 2015, 17:47
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Nobelpreisträger Kertesz würdigt Freund - Jürgen Flimm: "Es geht auch eine polemische Stimme verloren"

Berlin/Lübeck/Budapest - Mit großer Trauer reagierte der Autor Salman Rushdie auf den Tod von Günter Grass. Auf Twitter würdigte er Grass als einen wahren Giganten, Inspiration und Freund: "Schlage für ihn die Trommel, kleiner Oskar."

Auch der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz (85) trauert um seinen Freund und Kollegen. "Wir haben uns nicht mit dem selben Thema beschäftigt, aber wir waren Freunde und haben uns gegenseitig geschätzt", ließ der schwer kranke Kertesz ("Galeerentagebuch") am Montag in Budapest der Deutschen Presse-Agentur über seine Frau Magda mitteilen.

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat Grass als eines ihrer frühen literarischen Vorbilder gewürdigt. "Ich würde sagen, dass die 'Blechtrommel', als ich sie als junges Mädchen gelesen habe, für mich der Beginn einer neuen Sprache in der Literatur war. Ich habe damals begriffen, daß Schreiben nicht einfach Erzählen oder Beschreiben ist, sondern seine eigenen Gesetze schaffen kann, aus den Bedürfnissen eines Textes heraus", so die Literatin in einer Mail.

Auch der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger, hat Günter Grass zum Abschied gewürdigt. "Grass war der letzte deutsche Großschriftsteller", so Haslinger. Obwohl er mit der "Blechtrommel" einen Roman der Weltliteratur geschrieben habe, habe sich seine Bedeutung bei weitem nicht auf das Literarische beschränkt.

"Grass war für mich einer der letzten lebenden großen Schriftsteller. Ein Bezugspunkt für die ganze heutige Literatur", beschied der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu, Träger des diesjährigen Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung.

Zärtlicher Mensch

Der Regisseur Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper, hat Günter Grass als großen Schriftsteller und Dichter gewürdigt, sein Tod sei ein großer Verlust für die Bundesrepublik. "Es geht auch eine polemische Stimme verloren, die überspitzen konnte, sehr oft zum Ärgernis einiger Menschen", sagte Flimm. "Ich werde vor allem seine Freundschaft und seine raue Aussprache vermissen", sagte der Regisseur der Deutschen Presse-Agentur am Montag in Berlin. "Er war ein zärtlicher Mensch und auch ein wunderbarer Tänzer."

Für den Intendanten des Hamburger Thalia Theaters, Joachim Lux, ist der Tod von Grass ein tiefer Einschnitt. "Mit dem Tod von Siegfried Lenz und Günter Grass innerhalb kurzer Zeit geht eine ganze Epoche endgültig zu Ende - literarisch und auch politisch", sagte Lux der Deutschen Presse-Agentur am Montag. "Die letzten Zeitzeugen verstummen - siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs." Für das Thalia Theater sei es bei aller Trauer beglückend, das bedeutende literarische Vermächtnis von Lenz und Grass mit der "Deutschstunde" und der "Blechtrommel" wach halten zu können. Beide Bühnenfassungen der Romane waren in der laufenden Spielzeit am Thalia uraufgeführt worden. Bei der Premiere der "Blechtrommel" am 29. März war auch Grass dabei. Grass habe damals auf der Bühne sichtlich bewegt den Applaus des Publikums entgegengenommen, erinnerte sich Lux. "Es war sein letzter öffentlicher Auftritt."

Weltweit Zeichen gesetzt

Mit seinem literarischen Werk hat Günter Grass nach Ansicht des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels weltweit Zeichen gesetzt. Der Nobelpreisträger sei einer der bedeutendsten Schriftsteller des Landes und zugleich ein politisch streitbarer Geist gewesen, würdigte am Montag in Frankfurt der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, den im Alter von 87 Jahren gestorbenen Schriftsteller. "Damit gab er der deutschen Literatur in der Gesellschaft eine wirkmächtige Stimme. Wir werden ihn sehr vermissen."

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, betonte in einer Aussendung: "Günter Grass war nicht nur ein herausragender Schriftsteller, sondern er war immer auch Kulturpolitiker. Gerade auch seinem Wirken ist es zu verdanken, dass Künstlerinnen und Künstler selbstbewusst für ihre Interessen eintreten. Sein Rat und seine Bemerkungen werden dem Deutschen Kulturrat bei seiner Arbeit sehr fehlen."

Kritische Stimmen aus Israel

Der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel hat seine Trauer über den Tod von Grass ausgedrückt. "Grass war ein Schriftsteller, der viel zur internationalen Literatur beigetragen hat", hieß es in einer Mitteilung des Vorsitzenden Herzl Chakak. Aus Sicht des israelischen Verbands bleibe Grass jedoch auch nach seinem Tod ein umstrittener Autor. Grass habe eine politische "Delegitimierungskampagne" gegen Israel geführt, teilte Chakak mit. "Bis zu seinem Tod hat Günter Grass keine Reue über seine harten anti-israelischen Äußerungen gezeigt." Mit seinem israel-kritischen Gedicht habe Grass vor drei Jahren einen "modernen Kreuzzug" gegen den jüdischen Staat geführt.

Grass hat mit seiner Israel-Kritik nach Ansicht des israelischen Historikers Moshe Zimmermann eine rote Linie überschritten. Viele Israelis, die seine Bücher sehr schätzten, hätten sich dadurch verletzt gefühlt, so Zimmermann gegenüber dem israelischen Rundfunk als Reaktion auf den Tod des Schriftstellers.

Streitbarer politischer Geist

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Grass als großen Autor und streitbaren politischen Geist. In einem Kondolenzschreiben betonte Gauck am Montag: "In seinen Romanen, Erzählungen und in seiner Lyrik finden sich die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen." Grass sei zeitlebens ein eigenwilliger politischer Geist gewesen, der Auseinandersetzungen und Kritik nicht fürchtete und politische Debatten über Jahrzehnte wesentlich beeinflusste. "Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes", betonte Gauck nach Angaben des Präsidialamtes.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat Grass als Wegbegleiter, engen Freund und Ratgeber der deutschen Sozialdemokratie gewürdigt. "Mit ihm verlieren wir einen der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte und einen engagierten Autor und Kämpfer für Demokratie und Frieden", erklärte Gabriel am Montag in Berlin. Grass hatte immer wieder Wahlkampf für die SPD gemacht und vor allem mit Willy Brandt einen engagierten Austausch gepflegt. "Ohne seine mahnende Stimme für mehr Toleranz, seinen Willen zur Einmischung und seine regelmäßigen politischen Interventionen wäre unser Land ärmer", betonte der deutsche Vizekanzler. "Die SPD verneigt sich vor Günter Grass."

Auch der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) würdigte in einer ersten Reaktion den verstorbenen Literaturnobelpreisträger. "Mit Günter Grass verliert die Literaturwelt einen der bedeutendsten Schriftsteller des deutschen Sprachraums. Seine Romane zählen unbestritten zur Weltliteratur." (APA, red, 13.4.2015)

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