Prozess in Wien: Der suizidale Juwelenräuber

13. April 2015, 14:00
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Ein 29-Jähriger ist wegen schweren Raubes angeklagt. Der vorbestrafte Drogenabhängige hatte versucht, sich unmittelbar nach einem Überfall das Leben zu nehmen

Wien – Am Nachmittag des 2. März kam Aldin M. zu einer traurigen Erkenntnis: "Ich habe wieder mein Leben versaut wegen der Scheißdrogen", dachte er sich noch, ehe er in Wien aus einem Dachgeschoßfenster im dritten Stock sprang.

"Leider bin ich auf einem Vordach gelandet", erinnert er sich vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Stefanie Öner. Daher wurde er schwer verletzt von der Polizei festgenommen – denn kurz vor dem Sprung hatte er ein Juweliergeschäft überfallen.

Als Zuhörer ist man unschlüssig, ob man mit dem 29-Jährigen eher Mitleid haben oder man über ihn empört sein soll. Verteidiger Philipp Wolm versucht in seinem Eröffnungsplädoyer Ersteres zu erzeugen.

Kokainabhängig mit 16

M. ist in Österreich geboren und aufgewachsen, ein guter Schüler, mit 14 begann er, sich mit den falschen Freunden zu umgeben. Er zog an Joints, mit 16 war er schwer kokainabhängig. Die Zeit als guter Schüler war vorbei, die Zeit als Verbrecher begann.

"Seit ich Drogen nehme, geht es mit meinem Leben bergab, ich bin ein Gefangener der Drogen", entschuldigt sich der Angeklagte. Zwei Vorstrafen hat er, insgesamt neuneinhalb Jahre war er im Gefängnis.

Im März 2014 wurde er entlassen. "Im Mai habe ich geheiratet, meine Frau wurde schwanger, dann verlor sie das Kind." Es habe etwas "ausgehakt" bei ihm, sagt er, er vergrub sich wieder im Koks. 35.000 Kredit nahm er bei einem Wucherer auf, zu zehn Prozent Zinsen. Im Monat.

Um 25.000 Euro kaufte er sich Drogen, mit dem übrigen Geld wollte er von diesen wieder loskommen. Es ist dokumentiert, dass er in Istanbul, Belgrad und Bosnien-Herzegowina Entzugskliniken besuchte – erfolglos.

Zerschlagene Hoffnung auf Restaurantverkauf

Im April 2015 wollte der Gläubiger die erste Tranche des geborgten Geldes zurück. Eigentlich hatte M. darauf spekuliert, diese durch den Verkauf eines geerbten Restaurants in Mazedonien zu finanzieren, was nicht gelang.

Obwohl er nach seiner letzten Entlassung mit einem Aufenthaltsverbot belegt worden war, kehrte er nach Wien zurück. Ein kleines Juweliergeschäft fiel ihm auf. Er besuchte es, ließ sich Ringe zeigen, überschlug deren Wert. Und kam zum Schluss, dass sich ein Überfall auszahlen würde.

Am Tattag traf er sich mit einem Freund, trank Schnaps, schluckte Tabletten, schnupfte Koks. "Als ich mutig genug war, habe ich mich hinfahren lassen", erinnert er sich. Sein eigentlicher Plan, sich in dem Geschäft die Tabletts voller Ringe zeigen zu lassen, schlug fehl. Die Verkäuferin roch den Alkohol.

"Dann habe ich ein Küchenmesser gezogen und gesagt, es ist ein Raubüberfall." M. stellt es so dar, als ob er eigentlich alles selbst gemacht und die geschockte Verkäuferin zu nichts gezwungen hätte. Diese widerspricht als Zeugin: Sie habe ihm sowohl Sackerl für die Beute geben und die Kassa öffnen müssen, ehe sie flüchten konnte.

Auch der Angeklagte flüchtete, verlor einen Teil der Beute und lief in ein Haus. Wo er im Dachgeschoß zum eingangs erwähnten Schluss kam.

"Etliche seelische Störungen"

Die psychiatrische Sachverständige Sigrun Rossmanith diagnostiziert bei M. "etliche seelische Störungen". Die Drogensucht, eine emotionale Instabilität, aber auch die Tatsache, dass es ihm im Gegensatz zu anderen Menschen weniger leicht fällt, Verantwortung zu tragen.

Die Kombination könne durchaus dazu geführt haben, dass er beim Raubüberfall beeinträchtigt war – zurechnungsfähig sei er aber auf jeden Fall gewesen.

Der Angeklagte gibt das in seinem Schlusswort zu und ist bereit, jede Strafe anzunehmen. Gleichzeitig hofft er, im Gefängnis clean zu werden: "Ich bitte Sie um Hilfe – solange ich nicht von der Sucht wegkomme, wird es Probleme geben", appelliert er an Öner.

Nach halbstündiger Beratung verkündet diese das rechtskräftige Urteil: Bei einem Strafrahmen von fünf bis 15 Jahren erhält er elf Jahre Haft. "Sie haben quasi schon zweimal eine letzte Chance bekommen, aus general- und spezialpräventiven Gründen ist die Strafe schuld- und tatangemessen." (Michael Möseneder, derStandard.at, 13.4.2015)

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