Albtraum Mutterschaft

13. April 2015, 14:04
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Mutterschaft als "kulturelles und historisches Konstrukt" - Studie der Soziologin Orna Donath über Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, sorgt für Aufregung

Nach Frauen, die ihrer Mutterschaft bedauerten, hielt Orna Donath, Soziologin an der Universität Tel Aviv, in Internetforen Ausschau. Von 28 Frauen, die sich gemeldet hatten, verneinten 23 Mütter folgende Frage: "Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?"

Diese 23 Mütter im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 – darunter waren Arbeiterinnen, Angestellte und Akademikerinnnen – traf Donath schließlich, um das Phänomen, für das sie den Begriff "regretting motherhood" ("die Mutterschaft bereuen") geprägt hat, mittels Interviews zu ergründen.

Befragte Mütter lieben ihre Kinder

Alle befragten Frauen gaben an, dass sie zwar einerseits ihr Kind lieben würden, andererseits aber mit der Mutterrolle derart unglücklich seien, dass sie die Geburt ihrer Kinder am liebsten rückgängig machen wollten. In ihren Ausführungen legt Donath Wert auf die Feststellung, dass keine der Mütter eine auffällige Persönlichkeitsstruktur aufwies oder einem Problemmilieu angehörte.

In Donaths Studie kommt zum Beispiel Tirtza zu Wort, eine geschiedene zweifache Mutter und Großmutter: "Seit den ersten Wochen nach der Geburt habe ich die Entscheidung bereut", sagt sie. "Eine Katastrophe. Ich habe sofort verstanden, dass das nichts für mich ist. Mehr noch: Es ist der Albtraum meines Lebens."

Druck auf Frauen

Donath sieht in der Mutterschaft ein "kulturelles und historisches Konstrukt" – das starr in den Köpfen verankert ist. Auch nur der Gedanke, dass eine Frau ihre Mutterschaft bereuen könnte, werde für die meisten Menschen als abnorm oder als individuelles Versagen gesehen, so Donath.

Die Soziologin will mit ihrer Studie Frauen den Druck nehmen, den die Gesellschaft auf sie ausübe: "Es ist die Gesellschaft, die entscheidet, dass Frauen Kinder wollen, wollen sollen – oder irgendwann, früher oder später in ihrem Leben, wollen werden," heißt es in ihrem Text.

Unter #regrettingmotherhood wird das Thema auf Twitter rege diskutiert.

(burg, derStandard.at, 13.4.2015)

  • Unter anderem das Rollenbild der Mutter ist Thema in Bert Brechts "Mutter Courage". Im Bild:  Maria Happel als "Mutter Courage" im Burgtheater.
    foto: hans klaus techt/apa

    Unter anderem das Rollenbild der Mutter ist Thema in Bert Brechts "Mutter Courage". Im Bild: Maria Happel als "Mutter Courage" im Burgtheater.

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