Jemen schlittert in humanitäre Katastrophe

12. April 2015, 18:25
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Die saudischen Bomben gegen die Huthi-Milizen im Jemen treffen ein Land, in dem Millionen nicht wissen, wo ihre nächste Mahlzeit herkommt.

Sanaa/Kairo - In Kairo gibt es manche Straßenzüge, in denen die vielen Jemeniten in ihren traditionellen Gewändern auffallen. Sie sind in der ägyptischen Metropole, weil Angehörige sich in einem Spital pflegen lassen. Keine reichen Leute - der ganze Clan legt Geld zusammen. Das ist eine Facette des ärmsten arabischen Landes, in dem Millionen Menschen nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung, Trinkwasser und Nahrungsmitteln haben. Eine Folge von jahrelangen bewaffneten Konflikten, die auch Hunderttausende zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht haben. Ein Flüchtlingslager im Norden wurde bereits getroffen. Die Luftschläge der saudisch geführten Koalition könnten vor allem für die Ärmsten katastrophale Folgen haben, warnen Hilfsorganisationen.

Wie in jedem Krieg leidet die Zivilbevölkerung am meisten. Dutzende Kinder wurden bereits getötet. Hunderte Familien sind vor den Bomben aus der Hauptstadt Sanaa aufs Land geflohen. Die Schulen bleiben weiter geschlossen, viele Läden haben dichtgemacht. Die Stromausfälle dauern immer länger, Diesel ist Mangelware. In den ersten Tagen des Konflikts hat die Uno ihre ausländischen Mitarbeiter außer Landes gebracht. Damit droht das Versorgungsnetz noch löchriger zu werden. Bereits in den vergangenen Monaten gab es Schwierigkeiten. Humanitäre Organisationen schätzen, dass 15,9 Millionen Jemeniten, 61 Prozent der Bevölkerung, auf eine Form von humanitärer Unterstützung angewiesen sind, etwa 8,2 Millionen erhalten tatsächlich Hilfe. Die Armutsrate ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Laut Unicef wissen heute mehr als 40 Prozent der Bevölkerung nicht, wo die nächste Mahlzeit herkommt.

Kinder besonders verletzlich

Allerdings sind die Unterschiede im Land groß. In der Provinz Saada, dem Kernland der Huthi-Rebellen, beträgt die Nahrungsmittelunsicherheit gar 70 Prozent. Besonders verletzlich sind die Kinder. 4,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind kleinwüchsig, 13 Prozent unterernährt.

Neben steigenden Preisen für Grundnahrungsmittel ist die hohe Arbeitslosigkeit einer der wichtigsten Gründe für die grassierende Armut. Der Jemen ist ein junges Land. 63 Prozent der Bevölkerung sind unter 25, mehr als ein Drittel ist arbeitslos, dafür arbeitet jedes vierte Kind zwischen fünf und 14 Jahren. Wer eine Arbeit hat, hat dennoch nicht immer genug zum Leben. Viele Jobs sind schlecht bezahlt. Das Gehalt eines Lehrers von umgerechnet 140 Euro im Monat reicht nicht.

Hunderttausende Jemeniten suchen deshalb Arbeit in einem der anderen Golfstaaten. Ihre Überweisungen sind für viele Familien überlebenswichtig. Die hohe Arbeitslosigkeit und damit Hoffnungslosigkeit sowie die Unmöglichkeit, eine Familie zu gründen, sind ein fruchtbarer Boden, um die jungen Männer für bewaffnete Gruppierungen zu gewinnen.

Das Armenhaus der arabischen Welt ist in jeder Hinsicht schlecht gerüstet, einen Krieg zu überstehen. Im nationalen Dialog, der 2014 unter den politischen Gruppierungen abgehalten wurde, spielte die ökonomische Entwicklung eine zentrale Rolle. Mit der Dezentralisierung in sechs Regionen hätten die Ressourcen gleichmäßiger verteilt werden sollen. Die Ergebnisse sind aber nie umgesetzt worden, weil die Huthis sich nicht daran hielten und ihren militärischen Feldzug fortsetzten.

Sinkende Öleinnahmen

Die politischen Unruhen seit 2011 ließen die Wirtschaft um etwa 15 Prozent schrumpfen. Der Staatshaushalt ist weitgehend von den Öleinnahmen abhängig, die wegen sinkender Exporte infolge der Kämpfe und wegen des Preisverfalls ohnehin rückläufig sind. Sie betrugen in den ersten zehn Monaten 2014 noch 1,4 Milliarden Dollar, gegenüber 2,4 Milliarden im gleichen Vorjahreszeitraum. Es wird kaum investiert, der Tourismus ist zusammengebrochen.

Der Jemen ist von Hilfsgeldern abhängig. Saudi-Arabien habe seit einigen Monaten seine Unterstützung aber weitgehend eingestellt, berichtet die Weltbank. Es gab bereits erste Kämpfe in der Region Shabwa, einem der Ölfördergebiete. Die Truppen der Allianz blockieren inzwischen alle jemenitischen Häfen, damit wird auch der Ölexport getroffen. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 13.4.2015)

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