Sein Name ist Sphinx

Kommentar12. April 2015, 17:51
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Machtkampf bei VW

Ferdinand Piëch gibt wieder einmal Rätsel auf. Mit seiner öffentlich vorgetragenen Distanzierung von VW-Chef Martin Winterkorn hat er eine veritable Führungskrise beim größten Autobauer Europas ausgelöst. Der Betriebsrat ist ebenso aufgebracht wie das Land Niedersachsen als zweitgrößter Aktionär bei Volkswagen. Ohne die beiden Partner geht in Wolfsburg erfahrungsgemäß nichts. Das sollte der Österreicher an der Spitze des VW-Aufsichtsrats eigentlich wissen.

Äußerungen aus Winterkorns Umgebung lassen darauf schließen, dass er seinen Sessel nicht einfach kampflos räumen wird. Wie aber soll ein Konzern mit knapp 600.000 Mitarbeitern geführt werden, dessen Chef vom Mehrheitsaktionär torpediert wird? Dabei hat Winterkorn einiges vorzuweisen. Seit seinem Amtsantritt 2007 wurde der Umsatz auf 200 Milliarden Euro fast verdoppelt, der Gewinn stieg gar um 280 Prozent auf 18 Milliarden Euro. Die Integration von Porsche, MAN und Scania gilt als geglückt, im Vorjahr wurde bei den ausgelieferten Autos erstmals die Marke von zehn Millionen überschritten. Natürlich gibt es auch Probleme: Auf dem US-Markt kommt Volkswagen nicht vom Fleck, global ist der Konzern gegenüber Toyota ins Hintertreffen geraten, und die Marke VW wirft wenig ab. Doch diese Probleme löst man nicht, indem man den Chef anschießt und Mitarbeiter wie Aktionäre in Aufruhr versetzt.

Was ist somit das Kalkül des Enkels von Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche? Vieles spricht dafür, dass Winterkorn dem "Alten", wie der 77-jährige Piëch konzernintern genannt wird, zu mächtig geworden ist. Würde der einstige Ziehsohn in absehbarer Zeit an die Aufsichtsratsspitze von VW wechseln, könnte die Durchsetzung von Interessen für den Porsche-Clan schwieriger werden. Doch so genau weiß man das bei Piëch nicht. Seinen Beinamen Sphinx hat er sich redlich verdient. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 13.4.2015)

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