Vorwahlkampf in den USA: Clintons zweiter Anlauf

Kommentar12. April 2015, 21:13
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Hillary Clinton mag die Favoritin sein. Das ist aber nur eine Momentaufnahme

Die zweite Chance, sie ist ein Konzept, das Amerikaner gern zum Kern ihrer Lebensphilosophie erklären. Wer scheitert und wieder aufsteht, dem sind Sympathie und Respekt garantiert. In Wahlkämpfen aber schätzt das Land keine Loser, auch wenn sie sich mit der Energie von Stehaufmännchen wieder aufrappeln. Ob Jimmy Carter oder Bill Clinton, George W. Bush oder Barack Obama: Die meisten, die zuletzt ins Oval Office gewählt wurden, haben es im ersten Anlauf geschafft - strahlende Sieger ohne das Stigma, schon einmal geschlagen worden zu sein. Die Ausnahme bildete Ronald Reagan, der 1980 gewann, nachdem er 1976 schon bei der innerparteilichen Auslese den Kürzeren gezogen hatte.

Damit ist bereits gesagt, dass man vorsichtig sein sollte mit allzu vielen Vorschusslorbeeren für Hillary Clinton. Ja, sie mag die Favoritin sein, zumindest in den eigenen Reihen. Das ist aber nur eine Momentaufnahme. Schon vor acht Jahren schien es so, als könnte ihr keiner das Wasser reichen. Schon damals machte das Wort von der unvermeidlichen Kandidatin die Runde, als entfalte da ein Naturgesetz seine Wirkung. Bekanntlich kam es anders. Schon deshalb ist eine Prise Skepsis nicht unangebracht.

Was 2015 von 2007 unterscheidet: Bei den Demokraten ist derzeit kein Senkrechtstarter in Sicht, der der Gesetzten erfolgreich den Fehdehandschuh hinwerfen könnte. Marylands Ex-Gouverneur Martin O' Malley, der Vietnamkriegsveteran Jim Webb, der alte Sozialist Bernie Sanders: Keiner von denen, deren Namen bisher gehandelt werden, hat das Kaliber eines Obama - von aufrüttelndem "Change"-Appeal ganz zu schweigen.

Gewiss, man darf nicht unterschätzen, wie viele Wähler dem Durchbruch des Jahres 2008 einen zweiten folgen lassen möchten. Damals der erste Schwarze im Weißen Haus, demnächst die erste Präsidentin: Das Historische wird eine Rolle spielen, es wird gerade Frauen motivieren, für Hillary zu stimmen. Erfahrung, Kompetenz und Kompromissfähigkeit, das sind Stärken, die Clinton in die Waagschale wirft. Ihr Pflichtgefühl ist Legende. In vier Jahren als Chefdiplomatin legte sie nahezu eine Million Flugmeilen zurück, um 112 Länder zu besuchen. Zu ihrem Freundeskreis gehören Republikaner wie John McCain; es dürfte ihr relativ leicht fallen, Brücken ins konservative Lager zu bauen.

Nur sehnen sich die Demokraten eben auch nach einer Kandidatin, die das Herz wärmt. Clinton, die pro Rede angeblich 200.000 Dollar kassiert, hat Mühe, Sorgen und Nöte der "kleinen Leute" zu verstehen. Die Klientel, die trotz des Aufschwungs auf keinen grünen Zweig kommt, weil die Löhne stagnieren, und die als Lehre aus der Finanzkrise ein paar Kasino-Banker der Wall Street auf der Anklagebank sehen wollte und bitter enttäuscht wurde - mit dieser Klientel fremdelt sie. Die Heldin dieser Leute ist Elizabeth Warren, die demokratische Senatorin aus Massachusetts, die sich angriffslustig mit "Big Money" anlegt. Falls Warren in den Ring steigt, kann es noch richtig spannend werden. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 13.4.2015)

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