Konflikt im Jemen: Diplomatie oder Desaster

Kommentar13. April 2015, 08:47
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Die laufende militärische Intervention wird keines der Probleme lösen

Die unmittelbaren Beweggründe der saudisch geführten Militärintervention im Jemen sind klar. Anders ist es mit den politischen Zielen: Denn selbst wenn einmal - noch ist man weit davon entfernt - die zaiditisch-schiitischen Huthi-Rebellen zurückgedrängt und die Ambitionen von Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh, dessen Verbindungen zu Armee und Stämmen den Huthis erst das nötige militärische Rückgrat für ihren Vormarsch verliehen, endgültig gebrochen sein sollten, bleibt der Jemen, was er ist: ein Staat, der nur überleben kann, wenn die Konflikte intern ausverhandelt werden.

Diese Konflikte fließen seit Jahrzehnten ineinander, mit wechselnden Konfigurationen und Allianzen. Saudi-Arabien konnte mit einem schwachen und abhängigen Jemen, der auch Exportgebiet für die eigene wahhabitische Ideologie wurde, immer gut leben. Der 2012 von den Saudis fallengelassene Saleh selbst bestätigte im Jahr 2000 mit einer Unterschrift den Vertrag von Taif von 1934, der die jemenitischen Regionen Asir, Najran und Jizan dem saudischen Staat zuschlug.

Nur ein Jahr zuvor hatte Imam Yahya, der zaiditische geistliche und weltliche Führer des damaligen Königreichs im Nordjemen, über Ibn Saud, den Staatsgründer Saudi-Arabiens, gesagt: "Wer ist dieser Beduine, der die 900-jährige Herrschaft meiner Familie herausfordert?" Dreißig Jahre später unterstützte Saudi-Arabien die Zaiditen im Krieg gegen die republikanischen Revolutionäre. Und heute sind die Huthis, denen zaiditische Restaurationsgelüste nachgesagt werden, erneut der Feind. Immer wieder war Saudi-Arabien in interne jemenitische Konflikte verstrickt.

Die Erfolge der Rebellen seit 2014 nur dem Faktor zuzuschreiben, dass der Iran aus hegemonialen Gründen die Huthis unterstützt, greift zu kurz. Weitergedacht heißt das, dass die derzeitige Intervention, die die Huthis und Saleh stoppen und den Iran in die Schranken weisen soll, keinerlei Lösung für auch nur eines der internen Probleme des Jemen bringen wird.

Wie tief der Sumpf ist, in den sich die Kriegsparteien begeben, zeigt etwa das Kopfgeld von zwanzig Kilo Gold, das Al-Kaida auf den Huthi-Führer ausgesetzt hat. Steht es vielleicht den USA zu, wenn eine der Präzisionswaffen, die sie den Saudis liefern, Abdulmalik al-Huthi den Garaus macht?

Angst vor diesem Sumpf haben die Türkei und Pakistan. Ankara ist hin- und hergerissen zwischen der historischen Konkurrenz mit Teheran sowie dem Wunsch, den iranischen Einfluss im Irak und in Syrien einzudämmen, und neoosmanischen Großmachtträumen, die ein zu selbstbewusstes Saudi-Arabien stört.

Pakistan kennt den Preis, den ein Vasall Saudi-Arabiens zu zahlen hat, gut: Seine eigenen konfessionellen Konflikte haben so begonnen. Ein Engagement im Jemen würde sie weiter verschärfen. Außerdem muss Pakistan mit seinem Nachbarn Iran nicht nur leben, sondern sieht in der Möglichkeit, dass Teheran mit einer Einigung im Atomstreit seine Sanktionen loswird, eigene wirtschaftliche Chancen.

Noch ist Zeit, den großen Krieg abzusagen. Dass dies rasch geschieht, ist nicht wahrscheinlich, denn solange die Huthis/Saleh so stark sind, käme es einer saudischen Niederlage gleich. Aber der Moment wird kommen, wo man sich zwischen Diplomatie und Desaster entscheiden muss. Das Vertrauen, dass die Akteure diesen Moment erkennen, ist nicht sehr groß. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 13.4.2015)

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