In China starb der letzte Bruder des letzten Kaisers

13. April 2015, 07:00
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Mit dem Tod von Pu Ren geht in China endgültig die einst mächtige Dynastie der Adelsfamilie Aisin Giorro zu Ende

"Nennen Sie mich Lehrer Jin", pflegte der alte Mann zu sagen. "Ich heiße Jin Youzhi." Doch sein richtiger Name lautete Aisin Giorro Pu Ren - der letzte direkte Nachfahre aus der mandschurischen Adelsfamilie Aisin Giorro, der letzte Bruder des letzten Kaisers von China, Pu Yi. Vergangenen Freitag ist Pu Ren in Peking verstorben, er wurde 96 Jahre alt. Die Parteizeitung Beijing Ribao würdigte ihn unter seinem adligen Namen - und lobte ihn, weil er einst "eine Volksschule in Pekings Haupteinkaufsstraße Wang Fujing begründete."

Der im September 1918 geborene Pu Ren war der jüngste von vier Brüdern, unter denen Pu Yi (1906-1967) im Alter von drei Jahren ausgewählt wurde, den Kaiserthron zu besteigen. Der "Kinderkaiser" musste aber schon kurz nach der Revolution 1911 abdanken, als die Republik das 2000-jährige Kaisertum beendete.

Illustre Familie

2007, als der Standard Pu Ren besuchen konnte, war dieser bereits seit fast 20 Jahre als Volksschullehrer pensioniert. Er lebte in einem versteckten Hofhaus in der Suoyi-Hutong, der alten Gasse der Strohflechter, mitten im Zentrum Pekings. Pu Ren erkannte sich auf einem historischen Foto wieder, das 1928 in Tianjin aufgenommen worden war. Der abgesetzte Kaiser Pu Yi, der in Peking lebte, hatte damals alle direkten Verwandten zum gemeinsamen Foto zusammenkommen lassen.

Mit Pu Ren starb nun der letzte direkte Nachfahre der einst über China herrschenden Mandschu-Kaiser, die die Qingdynastie begründeten (1644 bis 1911). Pu Ren entstammte einer illustren Familie. Seine Großmutter war die jüngere Schwester der "Kaiserinwitwe" Cixi. Diese wählte ihren erstgeborenen Enkel Pu Yi als Thronerben. Pu Rens Vater war Prinzregent Zai Feng (1883-1951). Er wurde als Prinz Chun (der "Sühneprinz") bekannt. 1901 musste er als Vertreter des Kaiserhauses nach Berlin reisen, um vor Wilhelm II. Abbitte für den Boxeraufstand zu leisten. In China wurde ihm positiv angerechnet, dass er vor dem deutschen Kaiser keinen Kniefall machte.

Schule im Prinzenpalais

Mit seinem Vater bewohnte Sohn Pu Ren das palastartige Anwesen am kaiserlichen Hohai-See Chun Wangfu, wo er auch geboren worden war. Doch Pu Ren zog bald einen Schlussstrich unter die feudale Lebensweise. Er legte seinen dynastischen Familiennamen Aisin Giorro ab, wurde Lehrer. Die Schule, an der er 40 Jahre unterrichtete, hatte er 1945 mit seinem Vater innerhalb des Pekinger Prinzenpalais gegründet. Später verkaufte der Vater das Palais an den Staat und zog mit der Schule um. Das schützte Vater und Sohn vor den schlimmsten Repressalien, als Mao Tsetung mit Chinas Kommunisten an die Macht kam.

Von Bertolucci verfilmt

Zum Bruder Pu Yi aber gingen Vater und Sohn auf Distanz, weil dieser sich 1934 (bis 1945) von den nach China eingefallenen Japanern zum Marionettenkaiser über die Mandschurei krönen ließ. Nach Japans Kapitulation verschleppten dann Stalins Truppen Pu Yi 1945 in die Sowjetunion. 1950 wurde er an die Volksrepublik ausgeliefert und dort als Kriegsverbrecher verurteilt. Mao ließ ihn 1959 amnestieren. Er rühmte sich, Pu Yi "vom Kaiser zum Bürger" umerzogen zu haben. Unter dem gleichnamigen Titel erschien die weltberühmt gewordene Biografie von Pu Yi. Das Buch wurde später unter dem Titel Der letzte Kaiser von Bernardo Bertolucci verfilmt.

Der Lebensweg von Pu Ren verlief ruhiger. Er lernte vom modern denkenden Vater. Dieser schnitt seinen Zopf ab, trug Anzüge und fuhr Auto. Als Patrioten brachen die beiden den Kontakt mit Pu Yi ab, als er sich von den Japanern inthronisieren ließ. Erst zwanzig Jahre später sah Pu Ren den Bruder wieder. Mit einer Schwester holte er ihn im Dezember 1959 am Pekinger Bahnhof ab, nachdem er von Mao begnadigt worden war.

Späte Verteidigung

Doch die Distanz blieb. Erst Jahrzehnte nach dem Tod von Pu Yi bekannte sich auch der letzte lebende Bruder wieder zur Abstammung. In einem offenen Brief an das Pekinger Beraterparlament meldete er sich 2006 zu Wort. Er habe zu lange geschwiegen: "Jetzt muss ich sprechen aus Verantwortung vor der Geschichte und meiner Familie." In Film, Fernsehen, Zeitungen und Internet werde aus Sensationsgier und Geschäftemacherei die historische Figur des Pu Yi vulgarisiert und Schindluder mit dem Kaisertum getrieben.

Mit fast 90 Jahren zog Pu Ren vor Gericht, klagte gegen Ausstellungen und Verlage. Er verlor immer. Doch das focht ihn nicht an. Er wolle, so sagte er, nicht das Erbe des letzten Kaisers antreten, sondern der Hüter seines Bruders sein. (Johnny Erling, Der Standard, 13.4.2015)

  • Pu Ren 2007 in seiner bescheidenen Wohnung in Peking. Das Foto in seinen  Händen zeigt eine historische Aufnahme der einstigen Kaiserfamilie rund  um Pu Yi, den letzten Kaiser von China. Pu Ren sitzt ganz vorne in der  Mitte.
    foto: johnny erling

    Pu Ren 2007 in seiner bescheidenen Wohnung in Peking. Das Foto in seinen Händen zeigt eine historische Aufnahme der einstigen Kaiserfamilie rund um Pu Yi, den letzten Kaiser von China. Pu Ren sitzt ganz vorne in der Mitte.

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