"Transparent"-Darsteller Jeffrey Tambor: "Treffen mit dieser Serie Zeitgeist"

Interview12. April 2015, 15:46
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US-Schauspieler erhielt für Rolle als transsexuelle Frau in der Amazon-Serie Golden Globe

München/Wien – Jeffrey Tambor (70) ist seit 40 Jahren im Geschäft. Der US-Schauspieler wurde in den 90er-Jahren dank seines Leitspruchs "Hey Now" in der Sitcom "The Larry Sanders Show" und später als manipulativer Patriarch in "Arrested Development" Kult. Die Rolle einer Transsexuellen in der Amazon-Serie "Transparent" hat ihm nun seinen ersten Golden Globe eingebracht – und sein Leben verändert, wie er sagt.

Mit der APA sprach der Sympathieträger und fünffache Vater anlässlich der Premiere der deutschen Fassung von "Transparent" in München über seine enge Verbindung zu Titelfigur Mort alias Maura Pfefferman, die Verantwortung, die damit einhergeht, und seine Begeisterung für Conchita Wurst.

In einer zentralen Szene stellt Maura Pfefferman ihren Schwiegersohn vor die Wahl: "Sie, er, ich weiß, das ist verwirrend. Entweder du steigst in diesen Whirlpool oder nicht." Was hat Sie dazu bewogen, in den Whirlpool zu springen?

Tambor: Es war kein langer oder schwieriger Prozess. Nach einem Flug von New York, wo ich lebe, nach Los Angeles hatte ich eine Nachricht auf meinem Handy mit einem Drehbuch, das ich lesen sollte. Nach acht Minuten, am halben Weg ins Hotel, habe ich angerufen und gesagt: "Ich bin dabei." Am nächsten Tag habe ich Jill (Soloway, Serienschöpferin, Anm.) getroffen und mich Hals über Kopf in sie verliebt. Sie hat mir ihren Film "Afternoon Delight" gezeigt, und ich wusste, ich verstehe sie, und sie wusste, sie versteht mich, also habe ich die Gelegenheit einfach am Schopf gepackt. Ich wusste nicht, dass es solche Kreise ziehen würde – nur dass mich die Geschichte auf eine sehr persönliche Art und Weise anspricht und dass es eine sehr dankbare Aufgabe werden würde, die schlussendlich nicht nur Spaß gemacht, sondern auch mein Leben verändert hat.

Sehen Sie viel von sich selbst in Maura?

Tambor: Oh ja! Das Besondere am Schauspielen ist: Du klebst an der Figur, aber sie auch an dir. Deshalb hat Maura leider auch Lesebrillen und Arthritis im Kniegelenk. Ich fühle eine echte Verbindung mit ihr, für mich ist sie real. Leute sagen, es muss schwer gewesen sein, mich in sie hineinzufühlen, und selbstverständlich war es viel auf einmal, aber ich habe danach gelechzt. Es war innen wie außen ganz natürlich, und ich fühlte keinerlei Widerstände. Mit Mort wiederum hatte ich es schwerer: So viel geht in seinem Kopf vor, es kam mir vor wie früher, als man eine Schallplatte auflegte und es knackste. Maura hingegen ist wie eine Melodie, viel klarer.

Bei Ihrer Golden-Globe-Dankesrede sprachen Sie von der Verantwortung, die eine Figur wie Maura mit sich bringt. Hatten Sie je Zweifel, dieser nicht gerecht zu werden?

Tambor: Die ganze Zeit über habe ich dieses Tippen an meiner Schulter gespürt, das mir sagte: "Du musst dein Bestes geben. Es geht um mehr als nur um dich, Leute verlassen sich auf dich." Keine Szene hat das für mich mehr versinnbildlicht als jene, in der ich mich vor Sarah (der ältesten Tochter, Anm.) outen musste. Ich habe gezittert, als ich auf dem Bett saß. Als sie mich für den Dreh holten, hätte ich mich fast übergeben – nicht weil ich auf gutes Feedback hoffte, sondern weil ich wusste, ich muss es richtig machen.

Können Sie ein Outing so spät im Leben nachvollziehen?

Tambor: Diesen Aspekt liebe ich an der Geschichte! Der nächste Schritt für Maura ist der Tod, also wagt sie es einfach mit 70. Auch Jills Vater hat sich in seinen Spätjahren geoutet, und es ist wundervoll und mutig, diesen sehr jugendlichen Schritt als alter Mensch zu machen, wenn die Schwerkraft schon eingesetzt hat.

Mauras Outing leitet auch einen transformativen Prozess bei ihren drei erwachsenen Kindern Sarah, Ali und Josh ein ...

Tambor: Sie stehen unter Schock, so wie Sie und ich es auch würden. Vor allem Josh kämpft damit, weil er die männliche Bezugsperson in seinem Leben verloren hat und das Maura übelnimmt. Viele gehen hart mit den Dreien ins Gericht und sagen, sie seien selbstsüchtig, aber ich glaube, sie werden sich noch wandeln. Maura hat den Ball ins Rollen gebracht und ist damit die Authentischste der ganzen Familie, die Heldin – auch wenn sie bestimmt keine Heilige ist, denn sie weiß zu manipulieren. Unsere Serie stellt die sehr wichtige Frage: "Wenn ich mich verändere, bist du dann noch da, liebst du mich dann noch?" Ich erinnere mich daran, als mein achtjähriger Sohn Gabriel eines Tages am Rücksitz saß und sagte: "Daddy, wenn etwas passiert, bist du da, oder?" Das ist doch in uns allen.

Hatten Sie im Vorfeld der Serie je Berührungspunkte mit der Trans-Community?

Tambor: Ich bin glücklicherweise in San Francisco geboren und war dort am Theater. Die Stadt blüht auf in ihrer Diversität, und ich dachte immer, alle Städte wären so. Ich bin also sehr aufgeschlossen aufgewachsen. Die Transgender-Erfahrung aber musste ich studieren, und ich hatte mit Rhys Ernst, Zackary Drucker und Jenny Boylan großartige Mentoren am Set, die mir nicht unbedingt sagten, was ich tun sollte, sondern was im Inneren vorgeht. Ich hänge noch heute von ihnen ab, und wir reden ständig.

Neben "Transparent" stellen auch andere Serien wie "Orange Is the New Black" und "Glee" aktuell transsexuelle Charaktere und ihre Lebenswelt ins Zentrum. Sehen Sie eine Veränderung im TV, aber auch in unserer Gesellschaft?

Tambor: Ich glaube, wir treffen mit dieser Serie den Zeitgeist, unser Timing war perfekt, ein glücklicher Zufall. Rund um die Premiere erschien ein Magazin-Cover mit einer transsexuellen Managerin, und ich dachte mir: "Hier sind wir. Es ändert sich etwas." 16 transsexuelle Schauspieler standen bei uns vor der Kamera, viele mehr waren hinter den Kulissen, und das wird nun zur Norm. Mehr Menschen erzählen Geschichten wie diese. Unsere Zeit ist gekommen!

Zu einer Art Galionsfigur der Trans-Community in Europa wurde Conchita Wurst, die auch zur "Transparent"-Premiere geladen ist. Ist sie Ihnen ein Begriff?

Tambor: Ja, ich freue mich so darauf, sie kennenzulernen! Das Spannende an ihr ist, dass bei ihr die Grenzen verschwimmen, und ich mag es, wie behutsam und wunderbar sie damit spielt. Denn die ganze Sache nur vom Gesichtspunkt Testosteron und Östrogen anzugehen ist der falsche Ansatz.

Was ist in Ihren Augen das Besondere, das "Transparent" zur Veränderung beiträgt?

Tambor: Worauf es am Ende für viele, die auf mich zukommen, hinausläuft, ist die Familie, und wie sehr die Pfeffermans sie an ihre Familie und deren Geheimnisse erinnert. Das macht die Universalität dieser Geschichte aus.

In diesem Fall ist es eine jüdische Familie. Finden Sie sich in manch Traditionen wieder?

Tambor: Ich bin selbst Jude, und das könnte genauso gut meine Familie sein. Es ist sehr akkurat wiedergegeben: Wir haben denselben Humor, diskutieren auf dieselbe Art und Weise.

Sie sind nun mit gleich zwei Serien auf Streaming-Diensten vertreten, "Arrested Development" läuft bei Netflix und "Transparent" bei Amazon Prime Instant Video. Hätten Sie je damit gerechnet?

Tambor: Ich bin der Streaming-Kerl! Irgendwie scheine ich da eine Vorliebe zu haben. Ich hatte wirklich Glück, auch mit der "Larry Sanders Show" auf HBO, einem Kabelsender. Es ist toll, dass die Serien nun in einem Guss erscheinen und Leute sie in zwei, drei Tagen sehen. Das ist eine revolutionäre, neue Art des Konsumierens. Auch wenn ich selbst nie mehr als zwei, drei Folgen hintereinander schaffe.

Brian Grazer hat erst vor wenigen Tagen eine vierte Staffel von "Arrested Development" angedeutet. Wären Sie dabei?

Tambor: Ich habe denselben Artikel gelesen wie Sie! Mit mir hat niemand geredet. Aber irgendetwas scheint sich zusammenzubrauen: Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie mehr hören! Ob ich dann verfügbar bin, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich ab Juni für die zweite Staffel von "Transparent" aufgestellt bin.

Wissen Sie schon, wie es dann mit Maura weitergeht?

Tambor: Ich liebe es, es nicht zu wissen. Früher wollte ich als Schauspieler immer wissen, was passiert. Aber ich vertraue Jill vollkommen. Ich weiß nur, dass Maura glücklicher sein wird als zuletzt. Das reicht mir. (Angelika Prawda, APA, 12.4.2015)

  • Jeffrey Tambor (rechts) und Conchita Wurst bei der "Transparent"-Premiere in München.
    foto: apa/epa/hase

    Jeffrey Tambor (rechts) und Conchita Wurst bei der "Transparent"-Premiere in München.

  • Tambor mit dem Golden Globe.
    foto: ap/sayles

    Tambor mit dem Golden Globe.

  • Amy Landecker und Jeffrey Tambor in "Transparent".
    foto: ap photo/amazon digital, beth dubber

    Amy Landecker und Jeffrey Tambor in "Transparent".

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