"Mitterlehner traut sich nicht mehr, etwas ohne die ÖH umzusetzen"

Interview13. April 2015, 07:44
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Julia Freidl und Bernhard Lahner sind derzeit im Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung. Das neue Wahlrecht ist für sie der gößte Erfolg der Exekutive. Nach der ÖH wollen sie studieren statt in die Politik

STANDARD: In den letzten zwei Jahren gab es kaum große Studierendenproteste - ist es schwieriger geworden, zu mobilisieren?

Julia Freidl: Im Dezember 2013 haben wir zehntausend Studierende auf die Straße gebracht, um gegen die Zusammenlegung von Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium zu protestieren. Dadurch konnten wir das politische Gewicht der ÖH und der Studierenden stärken: Nach diesen Protesten hat sich Reinhold Mitterlehner nicht mehr getraut, irgendetwas ohne die ÖH umzusetzen.

STANDARD: Was waren die Folgen der Zusammenlegung?

Freidl: Man spürt immer stärker einen Wirtschaftsbeigeschmack.

STANDARD: Dennoch ist der Protest ziemlich schnell abgeflaut?

Bernhard Lahner: Das Problem ist, dass Proteste aufflackern und wieder abflauen, viele gewöhnen sich an den Status quo. Aber wir müssen Mitterlehner wieder ausreden, Hochschulen wie Unternehmen zu führen.

STANDARD: Kann das die ÖH?

Lahner: Das wird in der Öffentlichkeit nicht so stark wahrgenommen, aber dadurch, dass die ÖH in Kontakt mit dem Ministerium ist, konnten wir gröbere Dummheiten abwenden. Das passiert laufend.

STANDARD: Zu welchen Themen?

Freidl: Unser großer Erfolg war das HochschülerInnenschaftsgesetz - wir haben es geschrieben, mit Direktwahl der ÖH, passivem Wahlrecht für Drittstaatsstudierende und Briefwahl. Auch die Reformierung der Studierendenförderung konnten wir durchsetzen.

STANDARD: Die Pflichtmitgliedschaft bei der ÖH wird immer wieder kritisiert - warum pocht ihr dennoch darauf?

Lahner: Wir sind dadurch unabhängig und müssen nicht für Sponsoring hausieren gehen, um arbeiten zukönnen.

Freidl: Wenn man sich etwa unsere riesigen Klagen gegen autonome Studiengebühren ansieht, sieht man, wie wichtig es ist, dass die Mitgliedschaft bei der ÖH gesetzlich verankert ist: Wir haben eine Million an Rücklagen aufgelöst, um eine Drohgebärde zu schaffen und klagen zu können. Letztlich haben wir die Klagen gewonnen und die Studierenden ihre unrechtmäßig eingenommenen Gebühren zurückbekommen.

STANDARD: Dadurch dass die ÖH Vollzeitfunktionäre mit nur 300 Euro monatlich abspeist, können es sich nur wenige leisten, in ihr mitzuarbeiten. Wann ändert sich das?

Freidl: Nachdem wir selbst die größten Leidtragenden davon sind, ist das etwas, was wir der nächsten Exekutive mitgeben.

STANDARD: Was hat die nächste Exekutive noch zu tun?

Freidl: Ein neues System der Studienförderung, eine Ausfinanzierung der Hochschulen zu schaffen.

Lahner: An den Fachhochschulen braucht es Transparenz bei der Finanzierung, um herauszufinden, wie viel von der öffentlichen Hand und von der privaten finanziert wird. Bei der PädagogInnenbildung neu muss die kommende Exekutive den Umsetzungsprozess gut beobachten und möglicherweise eingreifen.

STANDARD: Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus - immer wieder ist vom Sprungbrett ÖH die Rede ...

Lahner: Ich beende den Master und beginne dann in der Schule.

Freidl: Ich nutze das Sprungbrett ebenfalls, um in den Master zu springen und bald abzuschließen. Dann werde ich mich hinsetzen und mir überlegen, was ich mit meinem Leben machen will. (DER STANDARD, 13.4.2015)


Julia Freidl (26) sitzt für den Verband Sozialistischer Studierender im ÖH-Bundesvorsitz. Sie ist Masterstudentin in Volkswirtschaftslehre an der WU Wien.

Bernhard Lahner (30) ist für die Fraktion Engagierter Studierender im Vorsitzteam. Er ist im Lehramt für allgemeine Sonderschulen an der PH Wien und Bildungswissenschaften in Wien.

  • Bernhard Lahner und...
    foto: luiza puiu

    Bernhard Lahner und...

  • ...Julia Freidl sind gegen "Dummheiten".
    foto: luiza puiu

    ...Julia Freidl sind gegen "Dummheiten".

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