Was Journalisten mit Zombies verbinden könnte

10. April 2015, 17:33
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Eigens für desorientierte Medienleute gibt es am Mittwoch ein Panel beim internationalen Festival für Journalismus in Perugia. Das verspricht Trost für Depressionen vom Journalismustag am Freitag in Wien

Wien/Perugia – Richard Gutjahr, digitaler "Sonnyboy des Journalismus" vom Bayerischen Rundfunk bis zu den Krautreportern, kam aus Linz und hatte einen schlechten Tag. Er mochte nicht "auf einer Welle der Zerstörung jauchzend dem Strand entgegensurfen", wie ihn Spiegel-Autor Cordt Schnibben beschrieb, Gutjahr zitiert ihn gern.

Gutjahr ist "ratloser denn je", hat "den Glauben verloren", es sei "die schwierigste Zeit, seit es Journalismus gibt".

Nun war Journalismus etwa in den 1930ern und 1940ern schon erfunden. Aber da gab es noch kein Web, und also war es anders schrecklich.

"Wir Journalisten sind wie Unkraut, wie Zombies, wir werden wiederkommen"

Gutjahr meint Nachfrage nach Journalismus, den Bedarf daran, seine Finanzierung in Zeiten von Buzzfeed und Co. "Wir haben keine Lösung, wie wir unser Produkt optimieren, damit die Menschen da draußen damit etwas anfangen können." Journalisten in (gebührenfinanzierten) "öffentlich-rechtlichen Rettungsbooten" (wie Gutjahr, freilich freiberuflich) glaubten nur, die Entwicklung betreffe sie nicht. Andere "verschanzen sich hinter Paywalls" und "verzögern den Tod ein bisschen". Dann doch vielleicht tröstend gemeinte Sätze: "Wir Journalisten sind wie Unkraut", "wie Zombies, wir werden wiederkommen" und: "Ich glaube, wir Journalisten müssen sterben, um zu leben."

Beim Wiener Journalismustag surfte Gutjahr also lamentierend auf der "Welle der Zerstörung", und vielleicht nicht nur Florian Stambula (NZZ.at) fand ihn ein wenig "substanzlos" – wie Gutjahr dann umgekehrt Stambula.

Start-up gründen

Gutjahr würde heute "nicht noch einmal in den Journalismus gehen", "ein Start-up gründen", "riskieren", "neu denken". Oder zumindest statt bei der Frankfurter Allgemeinen bei Buzzfeed oder Vice anfangen. Vice sieht sich als "CNN des Internets" und wirkt gelegentlich so distanzlos wie einst renommierte US-Medien mit angeblichen Massenvernichtungswaffen.

Zeit für eine Erinnerung von STANDARD- Autor Günter Traxler beim Journalismustag: "Grundlage unseres Berufes ist professionelles Misstrauen." Daraus folgert Traxler: Wenn Leserinnen und Leser journalistische Arbeit ebenfalls mit gewissem Misstrauen hinterfragen, muss das Journalismus noch nicht grundlegend infrage stellen.

Kommende Woche beraten viele Hundert Journalisten aus aller Welt in Umbrien Tun, Sinn und Zukunft. Desorientierten wird dort übrigens am Mittwoch in Sachen interreligiöse Kommunikation geholfen. Aber Mediendebatten behandeln ja auch oft Glaubensfragen. Journalisten des STANDARD halten Sie auf dem Laufenden. (Harald Fidler, DER STANDARD, 11./12.4.2015)

Nachlese

"Die Hard" für Medienschaffende: Gutjahr hält Totenrede auf klassischen Journalismus - Blogger und Untergangsprophet Gutjahr hat Glauben an den klassischen Journalismus verloren – Er würde nicht noch einmal in den Journalismus gehen, sondern Start-up gründen

Links

International Journalism Festival Perugia

Richard Gutjahr

NZZ.at

Vice Alps

Buzzfeed

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