Verbrechen zerstört Entwicklung

Kommentar der anderen10. April 2015, 17:13
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Das Finanzvolumen ist gewaltig: 870 Milliarden Dollar setzt grenzüberschreitende Kriminalität weltweit pro Jahr um. Der Kongress für Verbrechensverhütung wird nächste Woche in Doha erörtern, wie die Welt der Kriminalität zukünftig entgegentreten soll

Im Oktober 2013 sahen die Retter in der Sahara nahe der Grenze zwischen dem Niger und Algerien ein grausiges Bild. In einem Umkreis von 19 Kilometern lagen die Körper von 92 Menschen verstreut, die meisten davon Frauen und Kinder. Alle waren verdurstet, während sie versucht hatten, der strafenden Sonne zu entfliehen. Die Migrantengruppe reiste in zwei Lastwägen, aber der erste hatte eine Panne, und der zweite kehrte für Reparaturarbeiten um.

Die Migranten strandeten. Nach fünf Tagen Wartezeit machte sich die Gruppe auf, um nach Wasser zu suchen. Nur 21 Menschen überlebten, nachdem sie es geschafft hatten, Städte auf der algerischen Seite der Grenze zu erreichen.

Der Tod dieser Migranten zeigt eine schreckliche Tatsache über unsere Welt. Kriminalität laugt die Lebensenergie der schwachen und fragilen Länder aus und unterminiert dabei die globalen Bemühungen, Milliarden von Menschen aus der Armut zu befreien.

Unterhalb der Sahara sind die Territorien mit Kriminellen verseucht, die Migranten auf ihrem Weg nach Europa ausbeuten. Frauen, Kinder und Männer, deren Wunsch, in ein anderes Land zu gelangen, so stark ist, dass sie bereit sind, eine riesige Wüste mit den höchsten Temperaturrekorden zu durchqueren.

Nicht nur Afrika

Aber diese Geschichte ist nicht auf Nordafrika beschränkt. Auf der ganzen Welt sind in der größten Migrationsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg Menschen unterwegs. Diese Menschen nehmen gefährliche Reisen in Booten über tosende Meere, über tückische Landrouten oder per Flugzeug auf sich. Und sie sterben in großer Zahl.

Für diese Tragödie gibt es viele Gründe. Manche Menschen versuchen verzweifelt, ihre Familien von brutalen Konflikten und Unsicherheit wegzubringen, andere werden von wirtschaftlicher Not getrieben. Dabei gelangen diese Migranten in die Hände von kriminellen Netzwerken und werden grausam ausgebeutet.

Zügellose Korruption nährt diese und andere Verbrechen. Es werden aber auch Gelder aus dem öffentlichen Sektor abgezweigt. Das verhindert die äußerst notwendige Gesundheitsversorgung und eine Ausbildung für Kinder, die von unschätzbarem Wert ist. Es wird geschätzt, dass durch Korruption öffentliche Gelder in der Höhe von 20 bis 40 Milliarden US-Dollar aus Entwicklungsländern fließen.

Terrorverbindungen

Opportunistische Verbindungen zwischen Kriminellen und Terroristen werden geschaffen, um Drogen und illegale Waren zu handeln. Auch das ist nicht neu.

Waldbezogene Verbrechen machen bis zu 30 Prozent der globalen Holzwirtschaft aus. Der Handel von illegal geschlagenem Holz aus Südostasien in die Europäische Union und andere Teile Asiens hatte 2010 einen Wert von geschätzten 3,5 Milliarden US-Dollar. Durch den unkontrollierten Handel mit Holzkohle entgingen den afrikanischen Ländern Einnahmen von rund 1,9 Milliarden US-Dollar.

Der Schaden durch Wilderei beträgt allein in Ostasien und dem Pazifik 2,5 Milliarden US-Dollar. Die Zerstörung der Lebensräume von Tieren bringt manche Arten an den Rand der Ausrottung und schadet dem Tourismus. Ressourcenhandel ist ein fortwährender Diebstahl in Entwicklungsländern.

Grenzüberschreitende organisierte Kriminalität hat einen geschätzten Wert von 870 Milliarden US-Dollar jährlich und kommt in vielen Formen. Die Gewalt zerstört Gemeinschaften. Das Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zählte 2012 weltweit 437.000 Tötungsdelikte. Viele dieser Delikte passieren in Entwicklungsländern, wo der Verlust eines Einkommensbeziehers irreparable Auswirkungen auf die Zukunft der Familie haben kann.

Die Ansichten über Kriminalität ändern sich glücklicherweise. Die Verbindungen zwischen Kriminalität und Entwicklung werden heute in einer Art erkannt, wie es sie früher nicht gab. Länder akzeptieren, dass Entwicklung durch Rechtsstaatlichkeit, grundlegende Menschenrechte, strenge, aber faire Strafrechtssysteme und eine Nulltoleranz für Korruption geschützt werden kann.

Kriminelle Welle

Um aber die kriminelle Welle umkehren zu können, muss noch mehr getan werden. Wenn die Rechtsstaatlichkeit die Entwicklung aus den kriminellen Fängen reißen soll, muss sich der Gesetzesvollzug auf Anti-Geldwäsche-Aktivitäten konzentrieren. Es bedarf auch einer größeren Zusammenarbeit, um zu gewährleisten, dass Informationen über Kriminalität geteilt werden und dass gemeinsame Operationen über Grenzen hinweg stattfinden.

Die internationale Gemeinschaft sieht sich zurzeit großen Herausforderungen in den Bereichen Konflikte, Sicherheit und Frieden gegenüber. Sie sucht auch nach Einigung über die neue Entwicklungsagenda, die das Leben von Milliarden verändern wird.

Eine Chance

Bei all diesen willkommenen Handlungen sehe ich eine enorme Möglichkeit, die Strafrechtsreform zu fördern und die Rechtsstaatlichkeit zu stärken - besonders im Bereich der Fairness, Würde und Gleichheit. Für die Welt ist es eine Chance, Rechtsstaatlichkeit und ihre Vettern Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege an die Spitze der Arbeit der UN zu stellen.

Wenn das geschehen ist, wird nachhaltige Entwicklung den Schutz erhalten, den sie vor der Zerstörung durch Verbrechen braucht. Nächste Woche findet vom 12. bis 19. April in Doha der 13. Kongress für Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege statt - die größte und vielfältigste Zusammenkunft von politischen Entscheidungsträgern und Experten auf dem Gebiet der Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege. Der Kongress findet vor dem Gipfel über nachhaltige Entwicklung im September statt, wenn sich die Welt auf die neue Entwicklungsagenda einigt.

Elend und Tod

Kriminalität verursacht Elend und Tod. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Pläne für nachhaltige Entwicklung verhindert werden. Zusammen mit UNODC fühle ich mich verpflichtet, den 13. Verbrechensverhütungskongress als ersten Schritt zu nutzen, um das strafrechtliche Instrumentarium nicht nur zu verbessern, sondern für eine bessere Lebensqualität für jeden und jede zu sorgen. (Juri Fedotow, DER STANDARD, 11.4.2015)

Juri Fedotow (Jg. 1947) ist russischer Diplomat und Exekutivdirektor des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Wien.

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