Als in den Straßen Wiens gekämpft wurde

Kolumne10. April 2015, 17:20
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Im Fall von Österreich lag - anders als in etlichen osteuropäischen Ländern - eine wirkliche Befreiung vor

Anfang April vor 70 Jahren wurde in den Straßen Wiens heftig gekämpft. Artillerieduelle über den Donaukanal hinweg legten ganze Häuserzeilen um, im Wurstelprater tobte ein erbitterter Kampf zwischen Waffen-SS und Eliteeinheiten der Roten Armee, in Döbling schossen fanatisierte 15-Jährige von der Hitlerjugend sowjetische Panzer ab, an den Laternen hingen Deserteure und "Volksverräter". Und der Stephansdom brannte lichterloh.

Der ORF, Printmedien und Bücher halten die Erinnerung an diesen vorletzten Akt der Götterdämmerung des NS-Regimes wach. Dabei hatte Wien noch Glück. Die Kampfhandlungen waren nicht so furchtbar wie vorher in Budapest und nachher in Berlin. Dennoch waren diese Tage von einer Dramatik, die für heute Lebende unvorstellbar ist.

Hitler hatte befohlen, Wien um jeden Preis zu halten. Die Rote Armee griff Wien am 6. April von Süden und von Westen her an. Eine gewisse Unterstützung war dabei der österreichische militärische Widerstand - eine Handvoll Offiziere unter dem Major Carl Szokoll, der einen Feldwebel mit den Verteidigungsplänen der Nazis zu den Sowjets geschickt hatte. Der zweite Teil des tollkühnen Plans der Patrioten, nämlich die wichtigsten Punkte selbst in Besitz zu nehmen und zu übergeben, wurde verraten. Er hätte allerdings wohl auch so nicht funktioniert.

Jedenfalls drangen die Sowjets rasch bis zum Gürtel vor. Beim Prater wurde erbittert gekämpft, wobei die SS noch vor der schon greifbaren Errettung ein paar versteckte Juden ermordete.

Die Innenstadt wurde von der Wehrmacht geräumt, die sich jenseits des Donaukanals verschanzte. Ein Befehl des SS-Generals Sepp Dietrich, den Stephansdom, auf dem eine weiße Fahne wehte, in Trümmer zu schießen, wurde von einem Artilleriehauptmann ignoriert. Doch Plünderer hatten in den Kaufhäusern gegenüber Feuer gelegt, der Frühlingssturm trug das Feuer in den mittelalterlichen Dachstuhl des "Steffl", der ausbrannte und einstürzte.

Die sowjetischen Truppen setzten bei der Stadionbrücke und bei der Nußdorfer Schleuse über den Donaukanal und trieben in der Folge die Deutschen auch über die Donau und weiter nach Norden. Am 13. April war der Kampf um Wien zu Ende. Offiziell fielen ihm 18.000 Sowjets und 19.000 Wehrmachtssoldaten zum Opfer, es waren aber sicher weniger.

Die sowjetischen Truppen waren mit dem allerhöchsten (Stalin) Auftrag angetreten, ausdrücklich einen Unterschied zwischen den Österreichern und den "Nazipreußen" zu machen. Österreich sollte ja laut "Moskauer Deklaration" der Alliierten wiedererstehen. Dennoch kam es zu Plünderungen, einzelnen Morden und vor allem Vergewaltigungen, teilweise aus Rache für das Wüten der Deutschen in der Sowjetunion. Das NS-Regime gab sich noch einer letzten Verbrechensorgie hin, der Henker im Landesgericht machte Überstunden.

Gleichzeitig versammelten sich die politischen Gründerväter, um das Wiedererstehen Österreichs in die Wege zu leiten. Es ging natürlich nichts ohne die Sowjets, die ihre eigenen Pläne hatten. Im Fall von Österreich lag - anders als in etlichen osteuropäischen Ländern - eine wirkliche Befreiung vor, weil nach dem Sturz des NS-Regimes keine neuerliche, diesmal kommunistische, Diktatur errichtet wurde.

Manfried Rauchensteiner, "1945, Kriegsende in Österreich". Amalthea

Johannes Sachslehner, "Angriff auf Wien". Styria

Profil History, "1945: Die Stunde null"

(Hans Rauscher, DER STANDARD, 11.4.2015)

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