Antonio Fian: Ein Klassiker entsteht

10. April 2015, 17:00
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1960. Wohnzimmer

(Die Schriftstellerin Haushofer liest ihrem Lektor die Erstschrift ihres Romans "Die Wand" vor. Sie ist bereits auf der letzten Seite.)

HAUSHOFER: - "Sobald das Wetter wärmer wird, werde ich darangehen, die Kammer in Bellas neuen Stall umzubauen, und es wird mir auch gelingen, die Tür auszubrechen. Ich weiß noch nicht, wie, aber es wird mir bestimmt noch einfallen. Ich werde Bella und dem neuen Kalb ganz nahe sein und werde sie Tag und Nacht bewachen. Die Erinnerung, die Trauer und die Furcht werden bleiben und die schwere Arbeit, solange ich lebe. Mit diesen Gedanken ging ich in meine Kammer und legte mich schlafen. Als ich erwachte, war es schon taghell, und neben dem Bett standen Hugo und Luise. 'Wie lange du geschlafen hast', sagte Luise lächelnd und nahm meine Hand, 'du musst sehr müde gewesen sein.' Als dann auch noch Luchs schweifwedelnd in die Kammer kam und über mein Gesicht leckte, wurde mir klar, dass es diese Wand nie gegeben hatte, sondern dass alles nur ein Traum gewesen war, über den ich gemeinsam mit meinen Freunden noch Jahre später herzlich würde lachen müssen." (Legt das Manuskript weg. Zum Lektor:) Und?

LEKTOR: Großartig. Nur: Den Schluss würde ich ändern. Nach "solange ich lebe", das muss weg.

HAUSHOFER: Aber dann geht ja der ganze Witz verloren!

LEKTOR: Das macht nichts. Glaub mir. Änder das.

HAUSHOFER: Ich werd's mir überlegen.

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 11./12.4.2015)

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