Wenn Fieber zum Dauerzustand wird

12. April 2015, 12:00
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Fieber ist eine körpereigene Abwehr, um Eindringlinge unschädlich zu machen. Eine diagnostische Herausforderung ist, wenn es nicht mehr verschwindet

Fieber ist ein körpereigenes Abwehrmittel, um Eindringlinge unschädlich zu machen. Beunruhigend ist, wenn es nicht mehr verschwindet. Dann sprechen Mediziner von "Fieber unklarer Ursache ", FUO im Fachbegriff. Eine diagnostische Herausforderung, bei der die interdisziplinäre Zusammenschau Vorteile bringt.

Es ist eines der eindeutigsten Zeichen, dass etwas im Körper nicht in Ordnung ist. Wer sich schlecht fühlt, misst Fieber. Wenn das Thermometer über 38 Grad Celsius steigt, ist klar: Irgendetwas stimmt nicht.

Uralter Mechanismus

"Evolutionär betrachtet ist die erhöhte Temperatur die Reaktion des Organismus auf einen Eindringling, ein uralter Abwehrmechanismus sozusagen", sagt Stefan Winkler, Infektiologe an der Med-Uni Wien. Denn viele Keime können bei Fieber besser durch die Immunabwehr abgetötet werden.

Winkler hat tagtäglich mit einer Unzahl von Eindringlingen zu tun, die bei Patienten Fieber verursachen. Seine Aufgabe besteht darin, herauszufinden, um welches Virus oder Bakterium es sich genau handelt. "Wenn wir die Ursache kennen, wissen wir meistens auch, wie wir weitermachen müssen", sagt er. Leichter in der Diagnostik sei, wenn zum Fieber noch andere Beschwerden dazukommen oder durch Untersuchungen und Laborbefunde der Feind identifiziert wird, denn dann kann gezielt mit Antibiotika behandelt werden. Das Fieber verschwindet. Problem gelöst.

Es gibt allerdings Patienten, die über mehrere Wochen Fieber haben, ohne dass trotz mehrfacher Arztbesuche eine medizinische Ursache identifiziert werden kann. Zeigt das Thermometer mehr als drei Wochen lang über 38,3 Grad Celsius an, könnte FUO des Rätsels Lösung sein.

Altbekanntes Phänomen

Die Abkürzung steht für "fever of unknown origin", Fieber unklarer Genese ist der deutsche Ausdruck für die Erkrankung, die 1961 erstmals von den Ärzten Robert Petersdorf und Paul Beeson definiert wurde.

"Das Symptom Fieber ist banal, der damit einhergehende Zustand von Erschöpfung und Niedergeschlagenheit auch, aus diesem allgemeinen Bild zu einer konkreten Diagnose für Patienten zu kommen braucht in unterschiedlichen Fachbereichen eine hohe Expertise", sagt Internist Leopold Öhler vom St.-Josef-Krankenhaus, der sich mit Stefan Winkler und dem Rheumatologen Daniel Aletaha von der Med-Uni Wien in der gemeinsamen Ordination auf FUO spezialisiert hat.

"Die Herausforderung besteht darin, aus den 200 bis 300 möglichen Ursachen für FUO die richtige herauszufiltern", bringt es Winkler auf den Punkt. Es gibt drei große Gruppen von FUO-Patienten: Bei einem Drittel von ihnen wird das Fieber durch einen seltenen oder verschleppten Infekt ausgelöst, bei einem weiteren Drittel ist eine onkologische Erkrankung, meist ein Lymphom, die Ursache.

Schließlich können aber auch Autoimmunerkrankungen wie Rheuma das Fieber auslösen. "Fieber kann durch innere oder äußere Gründe verursacht sein, das Gehirn reagiert auf Botenstoffe, unterscheidet aber nicht", erklärt Daniel Aletaha. Die auslösenden Botenstoffe, die das Immunsystem alarmieren, heißen Pyrogene und sind Enzyme, die von Bakterien genauso wie von Tumoren erzeugt werden - ein fehlgeleitetes, gegen sich selbst gerichtetes Abwehrsystem kann sie auch ganz ohne Grund produzieren.

"Es klingt altmodisch, aber wirklich entscheidend sind ein ausführliches Gespräch und eine sehr sorgfältige klinische Untersuchung", sagt Leopold Öhler und erklärt damit auch die Tatsache, dass viele Patienten mit FUO eine lange Odyssee durch Arztpraxen hinter sich haben. FUO, so Öhler, lasse sich nicht in acht Minuten, so wie beim Hausarzt durchschnittlich üblich, abklären.

Volatile Werte

Vor allem: Der zirkadiane Rhythmus, also die ganz normalen Temperaturschwankungen von bis zu 0,5 Grad Celsius im Tagesverlauf, seien bei jedem Menschen unterschiedlich und können durch Medikamente durcheinandergeraten. Auch ein nicht erkannter Tumor lässt den Wärmehaushalt des Körpers aus dem Ruder laufen.

So können morgendliche Fieberschübe, aber auch Nachtschweiß und Gewichtsverlust Hinweise auf eine Tumorerkrankung sein. "Wir nähern uns den Problemen, indem wir Ursachen in der Anamnese ausschließen", erklärt Öhler, der, ist dieser Schritt erst gemacht, gezielt weitersucht. Herzecho, diverse radiologische Untersuchungen, auch eine Knochenmarkbiopsie können neben Laboruntersuchungen notwendig werden.

"Wir machen keine Rundumschläge, sondern suchen gezielt", bestätigt Infektiologe Winkler, der Patienten immer auch genau nach ihren Reisen befragt, weil etwa Tuberkulose langwieriges Fiebermacht, aber auch eine ganze Reihe anderer Tropenerkrankungen, etwa Parasiten, mit denen Hausärzte selten konfrontiert sind.

Apropos Tiere: Auch sie können für Fieberschübe verantwortlich sein. Genauso wie Hormone, die in der Nebennierenrinde oder der Schilddrüse gebildet werden. Wenn dort etwas nicht stimmt, gerät auch der Wärmehaushalt des Körpers aus dem Lot. Nicht selten seien für FUO aber auch Infektionen der Herzklappen verantwortlich.

Über den Tellerrand hinausdenken

"Die Kunst besteht schlussendlich auch darin, über den eigenen Tellerrand, das eigene Fachgebiet hinauszudenken", sagt Winkler und meint damit auch die Rheumatologie. "Die mit Fieber einhergehenden Gelenkschmerzen sind sozusagen vorübergehende rheumatische Beschwerden", sagt Rheumatologe Daniel Aletaha, "ausgelöst von Interferonen, die bei einer Aktivierung des Immunsystems ausgeschüttet werden."

Bei Autoimmunerkrankungen wird dieser Mechanismus quasi ganz ohne äußeren Grund aktiviert. Autoimmunerkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, die mit Fiebereinhergehen können, sind Polymalgien oder Lupus erythematodes. Um die Erforschung von FUO auf systematische Beine zu stellen, werden Infektiologe Stefan Winkler und Rheumatologe Daniel Aletaha im Juni eine Studie namens "Febrix" starten, um Patientenzahlen ermitteln und unterschiedliche diagnostische Leitfäden erstellen zu können.

Breites Therapiespektrum

Bei einer exakten Diagnose kann die Behandlung von FUO nämlich auch eine Operation sein. Etwa dann, wenn die Herzklappe die Ursache ist. Auch Abszesse etwa in der Leber können der Grund für ein lang andauerndes Fieber sein. Den Eiter abzuleiten und antibiotisch zu therapieren führt in diesen Fällen zur Heilung.

Wenn Rheuma als Ursache festgestellt werden kann, ist Cortison das Mittel der Wahl. "Um das überaktive Immunsystem einzubremsen", erklärt Aletaha. "Doch genau diese Wirkung eines Medikaments wäre bei der Behandlung eines Infekts zu vermeiden", sagt er und unterstreicht damit noch einmal die Crux, aber auch die Bedeutung einer exakten Diagnose. Cortison allein wiederum hilft bei Lymphomen nicht, wenn sie die Ursache von FUO sind. "Es gibt schwierige Fälle, die wir nur gemeinsam lösen konnten", erzählt Onkologe Öhler, sicher sei aber, dass FUO verschwindet, wenn der Auslöser gefunden ist.

Was es ganz selten auch gibt: das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, also Menschen, die Symptome wie Fieber erfinden oder es sogar selbst verursachen - eine Störung, die dann allerdings psychiatrisch behandelt werden muss. (Karin Pollack, DER STANDARD, 11./12.4.2015)

  • Die Körpertemperatur des Menschen ist täglichen Schwankungen von bis zu 0,5 Grad Celsius unterworfen. Bei Temperaturen über 38,3, und das über Wochen, könnte die Diagnose FUO sein.
    foto: klaus fritsch

    Die Körpertemperatur des Menschen ist täglichen Schwankungen von bis zu 0,5 Grad Celsius unterworfen. Bei Temperaturen über 38,3, und das über Wochen, könnte die Diagnose FUO sein.

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