Sprachbrücken und Sprachfallen

10. April 2015, 17:00
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Flucht geschieht meist ohne Vorbereitung. Wie geht man mit Sprachlosen um, die erst die Last ihrer Vergangenheit ablegen müssen, um überhaupt an ein Ankommen denken zu können? Welche Grenzen muss man wahren können dürfen, wenn archaisches Gedankengut, das sich mit unserem Verständnis der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit nicht vereinbaren lässt, das Zusammenleben aller gefährdet?

Welcher Schutz muss garantiert werden, um den Opfern ebensolchen Gedankengutes, die gerade noch mit ihrem Leben davongekommen sind, das neue Verwurzeln zu ermöglichen? Die Rolle der Übersetzenden in der Flüchtlingsbetreuung und im Asylwesen ist nicht nur eine tragende Rolle, sondern auch eine im Endeffekt über den Erfolg von Therapie und Integration, über die korrekte Abhandlung des Asylantrags und damit die Wahrung der Menschenrechte entscheidende.

Das nicht korrekte Übersetzen in so heiklen Situationen wie Gerichtsverhandlung, Asylantrag oder Psychotherapie bedeutet mehr als schlechte Arbeitsleistung, nämlich eine gestohlene Möglichkeit von Heilung, Verwurzelung, fairer Behandlung.

Was beim Schlepperprozess geschah, ist eines Rechtsstaates unwürdig. Es gilt die Regel, dass sich Übersetzende bei Asylverfahren in keiner Weise in den Prozess der Aussage einzumischen haben, weder mit eigenen Neuinterpretationen noch mit direktem wertendem Ansprechen der Befragten wie zuletzt bei einem Homosexuellen, der seine Veranlagung als Fluchtgrund angab. "Dabei gibt es bei euch so schöne Mädchen!", warf der Dolmetscher spöttisch ein und zerstörte damit jegliche Arbeitsbasis für alles Weitere. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 11./12.4.2015)

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