Ein Stern, der die böse Strahlung abwehrt

Blog14. April 2015, 05:30
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Unseriöse Geschäftemacher bieten "bioenergetischen" Schutz gegen Elektrosmog an

"Strahlung" mögen wir nicht. Solange es sich nicht explizit um freundliche Sonnenstrahlung handelt, verbinden wir mit diesem Wort meistens negative Gefühle unterschiedlichster Art: "Die Strahlung vergiftet alle Nahrungsmittel, mit denen sie in Berührung kommt. Die Strahlung denaturiert die Nahrung, das heißt: sie verändert die natürliche Struktur der Zellen." Das kann man beispielsweise auf den Internetseiten des "Zentrum der Gesundheit" über Mikrowellen lesen.

Dazu gibt es dramatische Bilder angeblicher wissenschaftlicher Experimente, bei denen Pflanzen mit normalem Wasser bzw. mit Wasser begossen werden, das man zuvor in einem Mikrowellenherd erhitzt hat. Während die normal gewässerten Pflanzen fröhlich wachsen, verdorren die mit Mikrowellenwasser gegossenen Gewächse schnell. Und dann erst die Handys! Auch sie schicken jede Menge Strahlung durch die Welt und wir halten uns die Dinger sogar direkt an den Kopf – das kann doch nur massiv schädlich sein. Oder?

Mit Sternen gegen "Störschwingungen"

Das Wort "Strahlung" gehört so wie "Energie", "Schwingung", "Frequenz" oder "Resonanz" zu den beliebtesten Begriffen der pseudowissenschaftlichen Esoterikszene. Das vage Unbehagen, das wir mit allen Arten von Strahlung verbinden, kann von unseriösen Geschäftemachern wunderbar ausgenutzt werden. Denn wenn unsere Welt voll mit angeblich böser Strahlung ist, dann braucht es entsprechenden Schutz! Zum Beispiel einen "Energiestern", der "bioenergetischen Schutz vor Elektrosmog" bietet.

Wer so einen Energiestern benutzt, baut ein "Kraftfeld" auf, das keine "schädliche Störschwingung" mehr durchdringen kann, denn der Stern ist "mit der Schwingung diverser Heilkräuter und Heilerden, verschiedener Bachblüten, von Gold, Mineralien und Vitaminen, sowie Gingko und Sauerstoff aufgeladen". Aber Vorsicht – natürlich funktioniert nur das Original, der Strahlenschutz der Konkurrenz ist Schrott: "Dank dem Schutz der Dodekaeder-Form können diese belebenden Informationsmuster nicht vorzeitig durch Elektrosmog neutralisiert werden (was bei vielen Konkurrenzprodukten jedoch geschieht)". Für den Schutz der Wohnung muss man dann allerdings schon 527 Euro investieren und sich einen ganzen "Raumstern" zulegen (noch besser wäre natürlich der "Raumstern Comfort" um 589 Euro).

Es kommt auf die Energiemenge an

Aber ist die Angst vor der Strahlung nicht auch berechtigt? Ist Strahlung nicht tatsächlich gefährlich? Ja, durchaus – aber Strahlung ist nicht gleich Strahlung. Das, was das Essen in der Mikrowelle warm macht oder aus unseren Handys kommt, ist im Wesentlichen nichts anderes als normales Licht. Nur hat das "Mikrowellenlicht" eben eine Wellenlänge, die zu groß ist, um von unseren Augen registriert zu werden. Das gleiche gilt aber auch zum Beispiel für Ultraviolett- oder Röntgenstrahlung.

Auch diese elektromagnetischen Wellen sind Licht, nur diesmal mit Wellenlängen die zu kurz sind, um von unseren Augen gesehen zu werden. Und wer sich zu lange UV- oder Röntgenstrahlung aussetzt, muss durchaus mit schweren gesundheitlichen Schäden rechnen. Daraus kann man aber nicht folgern, dass jede Art von Strahlung gefährlich ist. Es kommt darauf an, wie viel Energie im Licht steckt. Um Moleküle aufzuspalten und die Atome unseres Körpers zu schädigen, braucht es eine gewisse Mindestmenge an Energie und die hat die langwellige Mikrowellen- bzw "Handystrahlung" eben nicht.

Gefährlich ist ein Mikrowellenherd nur dann, wenn das Gerät kaputt und die Abschirmung nicht mehr intakt ist. Kommt man dem Herd dann zu nahe, kann die Strahlung die obersten Gewebeschichten erhitzen und Verbrennungen verursachen. Krebserregend ist so ein Mikrowellenherd aber definitiv nicht und die darin zubereitete Nahrung ist genau so gesund oder ungesund wie bei der Verwendung konventioneller Kochmethoden. Geschichten wie die eingangs erwähnte Warnungen des "Zentrum für Gesundheit" über "denaturierte Nahrung" sind pseudomedizinische Esoterik, die nichts mit echter Wissenschaft zu tun haben; genau so wenig wie die angeblichen Experimente, bei denen Pflanzen durch Mikrowellenwasser geschädigt worden sein sollen.

Dramatisch klingende Krebsraten

Und auch bei den vermuteten Gefahren der "Handystrahlung" zeigt sich mittlerweile ein relativ klares Bild. Lange Zeit gab es die Vermutung, dass die Mobiltelefone durch lokale Erwärmung am Kopf Gehirntumore verursachen könnten. Da diese Art des Krebs aber (glücklicherweise) sehr selten ist, ist es auch schwer, entsprechende umfangreiche statistische und vor allem aussagekräftige Studien durchzuführen. Es sind daher viele Ergebnisse im Umlauf, die dramatischer klingen, als sie es bei genauerer Betrachtung sind.

Zum Beispiel eine Untersuchung schwedischer Forscher aus dem Jahr 2014, bei der festgestellt wurde, dass die intensive Nutzung von Mobiltelefonen die Chance auf einen Gehirntumor um 200 Prozent erhöht. Das klingt beeindruckend; in der Realität hat sich die Zahl der Erkrankten unter 100.000 Studienteilnehmern aber nur von 3 auf 9 Personen erhöht (abgesehen davon litt die Studie auch unter anderen methodischen Schwierigkeiten, wie zum Beispiel einer fehlenden Kontrollgruppe).

Kontraproduktive Panikmache

Eine andere Studie, bei der die komplette Bevölkerung Dänemarks auf durch Handynutzung verursachte Gehirntumore untersucht worden ist, zeigte dagegen keinen statistischen Zusammenhang. Gäbe es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Gehirntumoren, sollte man mittlerweile auch einen generellen Anstieg von Fällen dieser Erkrankungen messen können. Aber auch das ist nicht der Fall.

"Strahlung" kann gefährlich sein oder auch nicht. Es kommt darauf an, um welche Art der Strahlung es sich handelt. Entsprechende Richtlinien und Schutzmaßnahmen vor beispielsweise Röntgen- oder UV-Strahlung sind nötig und wichtig. Auf pseudowissenschaftlichen Argumenten und esoterischen Weltbildern basierende Panikmache vor Mikrowellenherden und ähnlich harmlosen Geräten ist in dieser Hinsicht nur kontraproduktiv. Wer sich vor "Strahlung" schützen möchte, sollte im kommenden Sommer ein paar Euro in Sonnencreme investieren (und Solarien meiden) anstatt horrende Summen für irgendwelche esoterischen Gerätschaften gegen "Elektrosmog" auszugeben. (Florian Freistetter, derStandard.at, 14.4.2015)

  • Sterne als Strahlenschutz: Dieser wird nicht zu diesem Zweck angeboten. Wir trauen uns aber anzunehmen, dass er Strahlen genauso gut oder besser genauso gar nicht  abhält wie "Raumsterne", die satte 500 bis 600 Euro kosten.
    foto: istock

    Sterne als Strahlenschutz: Dieser wird nicht zu diesem Zweck angeboten. Wir trauen uns aber anzunehmen, dass er Strahlen genauso gut oder besser genauso gar nicht abhält wie "Raumsterne", die satte 500 bis 600 Euro kosten.

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