Wien, 1945: Der Kampf um die Stadt im sowjetischen Propagandafilm "Вена"

Video13. April 2015, 14:00
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Vor genau 70 Jahren tobte der Kampf um Wien. In dieser Folge der Serie "Die Rückseite des Films" wird ein filmisches Dokument dieses Kampfes vorgestellt

Der Film "Вена" ("Wena") entstand aus Aufnahmen, die Kameraleute der Roten Armee während ihres Vorstoßes im Frühjahr 1945 gemacht hatten. Diese Aufnahmen wurden zu einem Dokumentarfilm über die Kämpfe montiert, der ab Juli 1945 in Wiener Kinos gezeigt wurde.

Doch "Wena" ist nicht nur – wie der oft verwendete deutsche Titel "Der Kampf um Wien" suggeriert – ein Film über die Gefechtshandlungen in der Stadt. Er behandelt den militärischen Kampf in lediglich sechs seiner etwa 30 Minuten.

Der Film ist eher über seinen russischen Titel zu erschließen: "Вена". Wien. Die Stadt selbst ist Thema. Bevor es zur großen Offensive kommt, hält der Film inne und öffnet eine Art Album. Wien wird als Stadt klassischer Architektur und Musik gezeigt, dieses "Erbe" wird dem Film zu einem wichtigen Argument ihrer Befreiung und Erhaltung. So handelt "Wena" ein Thema ab, das eine Reihe anderer, weitaus berühmterer Propagandafilme des Zweiten Weltkriegs gleich im Titel führt: "Why We Fight".

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Eine Übersetzung des russischen Begleittextes finden Sie am Ende des Artikels.

Dadurch bekommt der deutsche Titel doch mehr Berechtigung, als er zunächst zu haben schien: Der Kampf wird nicht nur im Film ausgetragen, sondern auch durch den Film. ("Wena" war tatsächlich einer der wichtigsten sowjetischen Propagandafilme im Österreich der unmittelbaren Nachkriegszeit, seiner Premiere wohnten immerhin Staatskanzler Renner und der sowjetische Stadtkommandant Blagodatow bei.) Das Ziel dieses Propagandakampfes ist leicht zu erkennen: Die Sowjetunion soll als Garant und Schutzmacht eines unabhängigen Österreichs dargestellt werden. Das äußert sich eklatant in der ständigen rhetorischen Trennung zwischen deutschen Nazis und leidendem Österreich im Off-Kommentar. So trug auch "Wena" dazu bei, dass ein Aspekt der Moskauer Deklaration von 1943 zum Opfermythos generalisiert und verkürzt wurde – ein Mythos, der bis heute höchst wirkmächtig ist.

Und es äußert sich in der Schlussszene, auf die der Film zuläuft: Die ganze Stadt versammelt sich am 29. April 1945 vor dem Parlament, das in einem Festakt der österreichischen Regierung übergeben wird. Die Straßen sind davor schon voller Menschen, doch nun tanzen sie sogar vor Freude, tanzen im Schutze der Roten Armee. Und die albumhaften Ausflüge in die Geschichte des Landes bekommen eine weitere Funktion: Die Stadt der Musik feiert natürlich Walzer tanzend, das Parlament – an einer früheren Stelle als "eines der schönsten Gebäude der Stadt" bezeichnet – ist jetzt nicht nur ästhetisch zentral, sondern auch politisch. Die Geschichtsträchtigkeit der Stadt hat erfolgreich von der Gegenwart weggeführt, sodass jetzt von der Vergangenheit bruchlos in die Zukunft übergegangen werden kann. (Stefan Huber, Österreichisches Filmmuseum, 13.4.2015)

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.

Der russische Voice-over-Text in deutscher Übersetzung:

"Der Rauch vieler Brände stieg über der Stadt auf. Die Deutschen beschossen die Stadt mit Brandbomben. Nach der Befreiung der Außenbezirke und Wohngebiete drangen unsere Einheiten bis ins Zentrum auf die Ringstraße vor. Der Gegner wurde bis über den Donaukanal zurückgeworfen. Zwischen der Alten Donau und dem Donaukanal hält sich der letzte Widerstand der Nationalsozialisten. Feuer über den Kanal! Die Brücken sind gesprengt. Gleich nach den ersten Soldaten, die das andere Ufer erreicht haben, wird ein Notsteg über das Wasser gebaut. Die angreifenden Einheiten überqueren in aller Eile den Kanal. Hier, am anderen Ufer des Kanals, endet der Kampf um die österreichische Hauptstadt. Starke gegnerische Truppen wurden hier vollständig besiegt. Die sowjetischen Soldaten säuberten Wien zur Gänze von den Deutschen. Der Kampf ist vorbei. Stille kehrt in der Stadt ein. Die befreite Hauptstadt Österreichs ist in ihrer ganzen Schönheit zu sehen. Dank des blitzartigen Angriffs der Roten Armee wurden Kunst- und Kulturdenkmäler erhalten, von denen jeder einzelne Stein von der jahrhundertealten Geschichte Europas erzählt. Der Stephansdom – ein Bauwerk der gotischen Architektur. Seine Erbauung zog sich über Jahrzehnte. Fünf Jahrhunderte hinterließen hier ihre Spuren in der großen Vielfalt der Skulpturen. Das Rathaus. Die engen, verwinkelten Gassen der Wiener Innenstadt. Hier wirkten Haydn, Beethoven, Schubert und Strauß. Hier erklangen zum ersten Mal wundervolle Melodien. In diesem Haus wohnte der große Mozart. Das Belvedere – ein Schloss, 1720 für Prinz Eugen von Savoyen erbaut. Die Karlskirche. Das Wiener Theater. Das Parlament – eines der schönsten Gebäude Wiens."

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.
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