OSZE-Medienbeauftragte Mijatovic sieht "Desaster" bei Pressefreiheit

10. April 2015, 12:54
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ORF-Journalistin Vospernik: "Früher galten Journalisten als Götter. Heute gelten sie oft als Feinde"

Wien - Wie schon im STANDARD-Interview vorab zeichnete Dunja Mijatovic auch in ihrer Rede am Freitag bei den Österreichischen Journalismustagen ein dramatisches Bild der Meinungs- und Pressefreiheit in den OSZE-Staaten. "Auf dem Papier sieht alles gut aus: wir haben alle Freiheiten, wir haben Pressefreiheit. Was wir in der Realität sehen, ist aber ein Desaster", sagt sie. Mijatovic ist Beauftragte für Medienfreiheit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Selbstzensur in vielen Ländern auf der Tagesordnung

"Journalisten sitzen im Gefängnis, Journalisten werden bedroht, Journalisten sind ein Ziel." Journalismus sei heute einer der "gefährlichsten Jobs" überhaupt, etwa in der Ukraine, wo Medienberichterstatter entführt, inhaftiert und misshandelt würden, oder auch in Frankreich, wo es mit dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" eine der "brutalsten und schrecklichsten Attacken" auf die Meinungs- und Pressefreiheit gab. In der Türkei würden tausende Webseiten auf Druck der Regierung geblockt, und am Balkan oder in der Russischen Föderation gebe es so gut wie keine Aufklärung bei zahlreichen Journalistenmorden der vergangenen Jahre. Auch Selbstzensur stehe inzwischen in vielen Ländern auf der Tagesordnung.

"Es gibt keine freie Gesellschaft, wenn es nicht Meinungs- und Pressefreiheit gibt", so Milatovics Appell. Die OSZE-Beauftragte wird übrigens demnächst mit dem Europäischen Medienpreis, der Karlsmedaille, ausgezeichnet.

Journalisten als Feinde

Die ORF-Journalistin und frühere China-Korrespondentin Cornelia Vospernik berichtete bei den Journalismustagen, die heuer unter dem Generalmotto "Verantwortung wahrnehmen, Verantwortung einfordern" stehen, über andere Mittel der Zensur. In China sei sie etwa damit konfrontiert gewesen, "an Themen nicht ran zu kommen, und als Auslandskorrespondent ist man ständig von Misstrauen begleitet und wird oft für einen Spion gehalten", sagte Vospernik. "Früher galten Journalisten als Götter. Heute gelten sie oft als Feinde." (APA, 10.4.2015)

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