Die Akte Ebergassing: Zwei Tote im Goldwald

12. April 2015, 08:00
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Vor zwanzig Jahren starben in Ebergassing zwei Linksautonome beim Versuch, einen Strommast zu sprengen. Innenminister war damals Caspar Einem. Er kannte einen der getöteten Männer. Neue Fakten zu einem brisanten Fall

Gregor Thaler war ein freundlicher, ruhiger Mann, der kein Wort zu viel verlor, sehr zurückhaltend, fast schüchtern. Er war Punk in Innsbruck, zu der damaligen Zeit keine einfache Konstellation. Thaler eckte an, wurde mehrfach festgenommen. Mitte der 80er-Jahre, nach Abschluss seiner Lehre als Maschinenschlosser, übersiedelte er nach Wien, fand Anschluss in der Hausbesetzerszene, landete 1985 in der Aegidigasse, einem besetzten Haus in Wien-Mariahilf. Im August 1988 wurde die Aegidigasse mit Polizeigewalt geräumt, auch Thaler wurde verhaftet und saß für 14 Tage in U-Haft.

Er wurde verurteilt, nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal. Thaler war Wehrdienstverweigerer, stand wegen "listiger Umtriebe" vor Gericht, auch wegen Sachbeschädigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Das ergab sich aus diversen Demonstrationen, die nicht immer friedlich endeten. Wenn er lachte, sah man seine Zahnlücke. 1995 wohnte Thaler im Ernst-Kirchweger-Haus in Wien-Favoriten, dessen Besetzung er mitvorbereitet hatte. Das Haus, damals noch im Besitz der KPÖ, war 1990 besetzt worden.

Thaler engagierte sich bei diversen Projekten, veranstaltete Konzerte, verteilte Flugblätter. Das Kirchweger-Haus sollte ein "antikapitalistisches, antirassistisches, antifaschistisches Zentrum" werden. Aber das ewige Diskutieren im Plenum, das hatte er schon leid. Er wollte Taten setzen.

Ein dumpfer Knall im Wald

Am 11. April 1995 gab es in der niederösterreichischen Gemeinde Ebergassing eine Explosion im Goldwald, deren dumpfen Knall die Bewohner in der ein paar Kilometer entfernten Ortschaft nur vage wahrnahmen. Es war ein versuchter Sprengstoffanschlag auf den 380kV- Hochspannungsmast Nummer 383, eine Schnittstelle der "Stromautobahn" durch Österreich, auf der seit wenigen Wochen Atomstrom vom Osten in den Westen floss.

Vier Sprengsätze waren an der Verankerung des Strommasts angebracht. Zwei davon explodierten aufgrund der hohen Induktionsspannung vorzeitig. Zwei Männer starben dabei. Ihre Leichen wurden erst eine Woche später, am 19. April, entdeckt. Einer davon Gregor Thaler, 29 Jahre alt. Der andere war Peter Konicek, 33 Jahre alt. Der Mast blieb stehen.

Caspar Einem war zu diesem Zeitpunkt frisch als Innenminister im Amt. Er war am 6. April angelobt worden. Das hatte für Aufsehen gesorgt: ein bekennender Linker, schlimmer noch, ein ehemaliger Sozialarbeiter, ein Bewährungshelfer als Innenminister.

Zufällige Festnahme

Zu dieser Zeit liefen die Ermittlungen nach den Briefbombenserien und weiteren, zum Teil verheerenden Anschlägen auf Hochtouren. Wiens Bürgermeister Helmut Zilk hatte bei der Explosion einer Briefbombe Teile seiner linken Hand verloren, das war im Dezember 1993. Im Februar 1995 erreichte der Terror seinen Höhepunkt, als vier Roma in Oberwart bei einem Anschlag mit einer Sprengfalle getötet wurden. Ermittelt wurde im rechtsextremen Milieu, man suchte nach einer Tätergruppe, die sich "Bajuwarische Befreiungsarmee" nannte. Der eigentliche Täter, Franz Fuchs, wurde erst im Oktober 1997 bei einer Verkehrskontrolle gefasst - zufällig.

Mit dem Anschlag von Ebergassing konnte dem rechten Terror im politischen Diskurs ein linker Terror entgegengesetzt werden, was die FPÖ auch ausführlich tat. Als der Sprengstoffanschlag bekannt wurde, war Einem gerade in Brüssel und unterzeichnete Österreichs Beitritt zum Schengen-Vertrag. Die Details des Anschlags erfuhr er erst am Abend nach seiner Rückkehr nach Wien. Was niemand wusste: Einem kannte Thaler.

"Weg mit ihm"

Was bis heute in der Öffentlichkeit nicht bekannt ist und was auch Insider nicht wussten: Es war Gregor Thaler, der Einem zu jener legendären Spende an das Tatblatt veranlasste, die dem Innenminister politisch fast das Genick brach und seine gesamte Amtszeit überschattete. Die Kronen Zeitung schrieb: "Weg mit ihm".

Im Gespräch mit dem Standard erinnert sich Einem: Es war 1988, er war damals Wohnbaureferent bei der Arbeiterkammer, als ihn ein gewisser Gregor Thaler anrief und um eine "wohnrechtliche Beratung" für das besetzte Haus Aegidigasse bat. Thaler lud Einem zu einem "Tag der offenen Tür" ein, nach Rücksprache mit dem damaligen Wiener Wohnbaustadtrat Rudolf Edlinger nahm Einem an. Das Gespräch fand auf Wirtshausbänken vor dem Haus in der Aegidigasse statt, dabei wurde auch gefilmt. Diese Aufnahmen verwendete später Jörg Haider, um Einems Naheverhältnis zur linksradikalen Szene zu belegen. Es gab für Einem auch eine Hausführung. "Das Haus war in einem katastrophalen Zustand", sagt er. Die Verhandlungen mit der Gemeinde Wien über ein Wohnrecht und die Abwendung einer polizeilichen Räumung scheiterten.

Die erste Spende

1993 meldete sich Thaler erneut bei Einem. Dieser war zu diesem Zeitpunkt Manager bei der OMV. Thaler kam rasch zum Punkt: Einem sei doch jetzt ein "G'stopfter", verfüge also über genügend Geld und solle dem Tatblatt doch bitte eine neue Druckmaschine finanzieren. "Das war unverfroren", sagt Einem, er lehnte ab und bat Thaler, er solle doch einen Erlagschein schicken. Einem spendete schließlich 5000 Schilling. Danach gab es keinen weiteren Kontakt zu Thaler - aber eine zweite Spende von Einem an das Tatblatt.

Das Tatblatt nahm in in der autonomen, anarchistischen Szene eine Schlüsselposition ein. Für die einen war es das Sprachrohr des Linksextremismus und damit vor allem für die FPÖ ein rotes Tuch. In der Szene selbst wurde das Blatt aber auch als "linke Krone" abgetan, da es nach Meinung mancher zu wenig radikal war. Das Veröffentlichen von zugeschickten Anschlagserklärungen, es ging etwa um abgefackelte Fahrzeuge der Baufirma Hazet, gehörte zum Geschäftsmodell. Hazet hatte damals die Aegidigasse abgerissen und gab auch durch den Bau von Gefängnissen ein ideales Feindbild ab.

Die zweite Spende

1995, Einem war noch Staatssekretär und stand kurz vor seiner Bestellung zum Innenminister, spendete er 1000 Schilling für den Prozess, den FPÖ-Chef Jörg Haider gegen das Tatblatt führte. Es ging um einen vermeintlichen Aufruf zu Anschlägen gegen FPÖ-Funktionäre, den das Tatblatt abgedruckt hatte.

Einems Spenden waren damals ein gut gehütetes Geheimnis. Einem sagt, an die zweite Spende konnte er sich selbst nicht erinnern, er habe sie verdrängt. Als die Gerüchte die Runde machten und auch zu Einem drangen, machte er sich auf die Suche. Am Abend fand er zu Hause den Einzahlungsbeleg. "Mich hat fast der Schlag getroffen", erzählt er, "ich hätte schwören können, es war nur eine Spende." Am nächsten Morgen rief er Kanzler Franz Vranitzky an und bot ihm den Rücktritt an.

Vranitzky lehnte ab, "das stehen wir durch". Der Kanzler riet Einem, sich das Tatblatt näher anzuschauen. Einem war die Publikation zwar bekannt, er war aber kein Leser, sagt er. Er ließ sich die Ausgaben in der Parlamentsbibliothek ausheben. "Da wusste ich, das wird mühsam."

"Sponsor der Anarcho-Szene"

Einem selbst setzte den Schritt an die Öffentlichkeit und gab dem Kurier ein Interview, das am 28. April 1995 erschien. Damit wurden die Spenden an das Tatblatt erstmals publik. FPÖ und Krone gingen in die Offensive. Einem als "Sponsor der Anarcho-Szene" titelte die Kronen Zeitung. "Was bei Einem hängenbleibt, ist die Tatsache, dass er Linksextreme, die sich im Dunstkreis der Bombenattentäter von Ebergassing bewegen, Geld zukommen ließ. Wir haben also einen Innenminister, der jene, die er bekämpfen soll, unterstützt hat. Wer meint, dass ein solcher Innenminister nicht sofort zurücktreten muss, der macht sich zum Befürworter linksextremer Gewalt", schrieb Hans Dichand unter seinem Pseudonym "Cato".

In guten Zeiten hatte das Tatblatt eine Verbreitung von 3000 bis 4000 Stück. Nach dem Bekanntwerden der Einem-Spende waren es auf einmal 10.000 Stück. "Wir mussten dreimal nachdrucken", erinnert sich Lukas Wurz, damals Obmann des Herausgebervereins. Dass Einem gespendet hatte, sei dem Tatblatt-Kollektiv gar nicht bewusst gewesen, man habe selbst erst die Belege gesucht und schließlich in einem Karton im Büro in der Gumpendorfer Straße gefunden. Wer das Gerücht damals in Umlauf gesetzt hatte, ist heute bekannt, es war eine Schlüsselperson in der linken Szene, aber niemand vom Tatblatt selbst.

Festnahmen und Hausdurchsuchungen

Der Anschlag von Ebergassing führte dazu, dass die linke Szene von der Polizei aufgemischt wurde. Ein "dritter Mann" wurde gesucht. Dutzende Verdächtige gerieten ins Visier der Kriminalabteilung, die von FPÖ-Funktionären durchsetzt war. Es gab Hausdurchsuchungen, Festnahmen und Einvernahmen, aber letztendlich keinen dritten Mann. Ein Verdächtiger setzte sich nach Mexiko ab, wurde dort kurz von den Behörden in Gewahrsam genommen, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Haftbefehl gegen ihn ist nicht mehr aufrecht. Der Akt Ebergassing ist geschlossen.

Einem blieb noch zwei Jahre Innenminister. Unter seiner Amtszeit konnte die Briefbombenserie nicht aufgeklärt werden. "Das hätte mir wohl geholfen, länger im Amt zu bleiben", sagt er heute. Entscheidend für seine Abberufung sei aber gewesen, dass er kein gutes Verhältnis zur Krone hatte. "Und Viktor Klima hat dieses gute Verhältnis gesucht." Als Klima im Jänner 1997 Bundeskanzler wurde, machte er Karl Schlögl zum Innenminister.

Das Tatblatt wurde 2005 eingestellt. Eine ausführliche "Dokumentation" des Tatblatts zu Ebergassing findet sich im Netz, die Autorenschaft ist unbekannt. Möglicherweise ist sie vom dritten Mann. (Michael Völker, DER STANDARD, 11.4.2015)

  • Am 11. April explodierten an einem Strommasten in Ebergassing vorzeitig zwei Sprengladungen. Zwei Männer starben, ihre Leichen wurden erst eine Woche später entdeckt.
    newald

    Am 11. April explodierten an einem Strommasten in Ebergassing vorzeitig zwei Sprengladungen. Zwei Männer starben, ihre Leichen wurden erst eine Woche später entdeckt.

  • Caspar Einem war damals Innenminister. Was niemand wusste: Er kannte einen der getöteten Männer. Dieser hatte Jahre zuvor auch eine Spende für das "Tatblatt" eingeholt.
    cremer

    Caspar Einem war damals Innenminister. Was niemand wusste: Er kannte einen der getöteten Männer. Dieser hatte Jahre zuvor auch eine Spende für das "Tatblatt" eingeholt.

  • Einer der vier Betonklötze, auf denen der Mast steht, wurde teilweise weggesprengt. Der Mast selbst blieb stehen. Insgesamt waren fünf Pakete mit jeweils drei bis fünf Kilo Sprengstoff angebracht.
    apa

    Einer der vier Betonklötze, auf denen der Mast steht, wurde teilweise weggesprengt. Der Mast selbst blieb stehen. Insgesamt waren fünf Pakete mit jeweils drei bis fünf Kilo Sprengstoff angebracht.

  • Die Polizei brachte in einer kontrollierten Sprengung die anderen Ladungen zur Explosion.
    newald

    Die Polizei brachte in einer kontrollierten Sprengung die anderen Ladungen zur Explosion.

  • Innenminister Caspar Einem geriet aufgrund seiner Spenden an das "Tatblatt" ins Visier der "Kronen Zeitung" - und sollte sich davon politisch nicht mehr erholen.

    Innenminister Caspar Einem geriet aufgrund seiner Spenden an das "Tatblatt" ins Visier der "Kronen Zeitung" - und sollte sich davon politisch nicht mehr erholen.

  • Das "Tatblatt" war das Sprachrohr der linksautonomen Szene und kämpfte mehrfach mit der drohenden Einstellung. Das Bekanntwerden der Spenden von Caspar Einem bescherte dem Blatt noch einmal einen Höhenflug.

    Das "Tatblatt" war das Sprachrohr der linksautonomen Szene und kämpfte mehrfach mit der drohenden Einstellung. Das Bekanntwerden der Spenden von Caspar Einem bescherte dem Blatt noch einmal einen Höhenflug.

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