So energisch wie Plastilin

11. April 2015, 08:00
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Wolfgang Hermanns neuer Roman "Die Kunst des unterirdischen Fliegens"

Man sehnt sich nach einer Suderei, nach nur einem einzigen bösen, arroganten Sager im neuen Roman Die Kunst des unterirdischen Fliegens des in Wien lebenden Vorarlbergers Wolfgang Hermann. Denn das jüngste Buch des Vielschreibers und regelmäßigen Publizierers ist eine rechte Jeremiade, ein Lebensklagebericht eines Untüchtigen, eines Taugenichts, eines Hypochonders, eines Fabrikantensohns, der nach der Matura von seinem Vater zum Studium der Betriebswirtschaft abkommandiert wird, aber viel lieber sich bei den Philosophen fundamental verwirren lässt, in der großen Universitätsstadt die Liebe kennenlernt und die falsche Frau, die ihn ehelicht, die dann nach dem Tod seines Vaters die Leitung von dessen Schraubenfabrik übernimmt, während er ziellos in den Tag hineinlebt und, vergeblich, davon träumt, Profikiller zu werden.

Der 1961 geborene Wolfgang Hermann, der in einem Vierteljahrhundert als freier Schriftsteller eine rechte Publikations-Odyssee durch viele Verlagshäuser absolviert hat, bevor er vor drei Jahren beim Münchner Haus Langen Müller andockte, spielt hier nicht mit Versatzstücken. Er hantiert damit. Zugegeben nicht übermäßig grobschlächtig - aber bar jeder Ironie. Natürlich ist hier Betriebswirtschaft staubtrocken. Selbstredend sind alle Studentinnen der Betriebswissenschaft minderattraktiv - dafür entschädigen die Romanistikstudentinnen.

Natürlich ist der Vater ein gefühlskalter Tyrann, die Mutter verhuscht passiv-aggressiv, die energische Gattin geld-, bald auch abseits des Erzählers männernotgeil. Natürlich ist eine dunkelhäutige Tänzerin sexuell exzessiv unersättlich, dafür überbordend neurotisch. Natürlich sehen alle Philosophiedozenten ästhetisch randständig, wie verhuschte Kleintiere, aus. Und natürlich ist der Liebhaber der Frau ein BMW-Fahrer und quengelnder Säufer.

Rätselhaft bleibt der Titel, der in keiner handgreiflichen Verbindung zum Inhalt steht. Dass der gezwungen heiter und fröhlich-bunt daherkommende, bei näherem Betrachten allerdings seltsam leblose Schutzumschlag mild deplatziert ist, ergänzt das Manko dieser Prosa trefflich, die Hermann wohl als sanfte Satire vorschwebte, aber weder sanft noch satirisch ausgefallen ist. Bei allzu vielem, auch bei gröberen psychologisch-realistischen Folgefehlern, ist das Lektorat augenscheinlich ganz ungerührt und unübersehbar passiv geblieben, so passiv wie bei den gar nicht wenigen, unübersehbar ins Auge stechenden falschen Trennungen.

"Die Damen und Herren Schriftsteller", war einst, im Jahr 2006, in Wolfgang Hermanns kleinem, schönem Roman Herr Faustini verreist zu lesen, "haben eine schwere Aufgabe zu tun, weil sie müssen ja das Zuworten rückgängig machen und nur aufschreiben, was eine Art von Welt sprechen lässt. Nicht dunkler soll es von einem Buch werden, sondern heller und irgendwie klarer."

Das ist neun Jahre her. An Helligkeit, Klarheit und Welt gebricht es seinem neuen Buch, nicht nur irgendwie, sondern in geradezu schmerzhafter Weise überflüssig, durchgehend. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 11./12.4.2015)

Wolfgang Hermann, "Die Kunst des unterirdischen Fliegens". € 15,50 / 192 Seiten. Langen-Müller-Verlag, München 2015

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