"Den Unternehmergeist willkommen heißen"

Interview10. April 2015, 11:24
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Gerhard Blechinger will als neuer Rektor der FH Salzburg Start-ups fördern und eine Gründerszene etablieren

STANDARD: Sie sind gegen die amtierende Rektorin von Ihren Kollegen zum neuen Rektor gewählt worden. Wie gehen Sie mit diesem Vertrauensvorschuss um?

Blechinger: Diesen Vertrauensvorschuss verstehe ich als großes Kompliment. Auf der anderen Seite drückt diese Wahl aus, dass bestimmte Dinge verbesserungsfähig sind. Das nehme ich als Botschaft mit.

STANDARD: Was wäre verbesserungswürdig?

Blechinger: Die FH Salzburg, die derzeit gut aufgestellt ist, muss sich intensiv Gedanken machen, wie sie diesen Status erhalten kann. Meiner Einschätzung nach ist die Zukunft der Bildungslandschaft Österreichs und Europas dadurch geprägt, dass es mehr Anbieter geben wird, die schnell auf Marktgegebenheiten reagieren. Diese gelernte Angewohnheit, dass die Salzburger FH ein Monopol besitzt, wird es in Zukunft nicht mehr geben.

STANDARD: Muss man mehr auf Spezialisierung setzen?

Blechinger: Spezialisierung ist eine wichtige Strategie, um auf diesen volatilen, beweglichen Markt zu reagieren. Gleichzeitig brauchen wir weiterhin eine solide akademische Ausbildung als Grundlage für die zukünftigen Entwicklungen. Es wird wichtiger werden, schnell und unkompliziert auf neue Marktgegebenheiten zu reagieren.

STANDARD: Heißt das auch, schnell neue Studienrichtungen zu schaffen?

Blechinger: Ja, absolut. Studienrichtungen, Module und postgraduale Programme.

STANDARD: Sollten sich Bildungseinrichtungen absprechen, wer was anbietet?

Blechinger: Das wäre die Methode, um es langwierig zu machen. Ich glaube an Wettbewerb. Dieser Wettbewerb hat längst begonnen, auch in Salzburg. Wir können selbstbewusst in diesen Wettbewerb gehen.

STANDARD: Für neue Studienzweige braucht es auch Geld. Ist das möglich?

Blechinger: Die Finanzierung solcher Angebote und des Bildungssektors insgesamt wird in Zukunft Gegenstand intensiver Diskussionen sein. Ich würde davor warnen, immer nur auf dem alten Status quo zu beharren.

STANDARD: Mehr Finanzierung durch die Wirtschaft?

Blechinger: Eine Offenheit für intensive Kooperationen zwischen Hochschule und Wirtschaft, dafür steht die FH bereits. Es geht darum, sie weiterhin zu leben und verstärkt neuen Ideen Raum zu geben.

STANDARD: Der FH wird oftmals ihr verschultes System vorgeworfen. Könnte es auch hier mehr Offenheit geben?

Blechinger: Das FH-System wird wegen seiner engen Orientierung an dem Bologna-System sehr gelobt, weil die Leute etwas lernen, das man in der Wirtschaft tatsächlich brauchen kann. Dieses verschulte System hat sich ja auch an den Universitäten eingeschlichen. In Zukunft müssen wir wieder stärker versuchen, trotz Bologna-Systems unsere Studiengänge für mehr Flexibilität zu öffnen. Denn der Sinn eines Studiums ist, über den Tellerrand zu schauen. Die jungen Leute sind gefordert, sich in den nächsten dreißig Jahren beruflich mehrfach neu zu erfinden. Das zähle ich zu den Kernkompetenzen, die man an Hochschulen und Universitäten erlernen muss, um langfristig erfolgreich zu bleiben.

STANDARD: Die Wirtschaftskammer wünscht sich eine stärkere Profilbildung in Richtung einer "Gründerfachhochschule". Inwiefern könnte sich die FH als Gründerzentrum positionieren?

Blechinger: Ein FH-Studium stattet im Idealfall Leute mit der Fähigkeit aus, das Gelernte auch für sich ganz persönlich ökonomisch umzusetzen. Wir sind nahe der Wirtschaft und unterrichten Unternehmertum sogar im künstlerischen Bereich. Gleichzeitig müssen wir uns darum kümmern, dass Absolventen Ideen so konkretisieren, dass sie daraus Firmen bilden können. Das hat zum Teil schon begonnen. In Hallein kümmern wir uns auch darum, dass diese Ideen physische Orte finden, um zu starten. Leerstehende Büros können von unseren Studenten kostenfrei bezogen werden. In Zukunft müssen wir uns auch darum kümmern, diese Start-ups mit privatem Kapital zu versorgen. Eine FH kann einiges dazu tun, Gründungen zu fördern, und wir wollen viel dafür tun. Dazu zählt auch, den Unternehmergeist in der Professoren- und Dozentenschaft willkommen zu heißen.

STANDARD: In Salzburg soll ein neues Zentrum zur Förderung von Unternehmensgründungen auf die Beine gestellt werden. Will die FH da in den Vordergrund?

Blechinger: Für die Etablierung einer Salzburger Gründerszene sind sehr viele Player erforderlich. Es gibt keinen Grund zu behaupten, dass eine Institution das alleine stemmen und verantworten könnte. Wenn wir uns als gute Teamplayer verstehen, ist dem Standort Salzburg am besten gedient. Insbesondere diejenigen, die schon Unternehmergeist gezeigt haben, werden dabei im Vordergrund stehen. Unternehmertum muss glaubhaft vorgelebt werden, gerade an Fachhochschulen.

STANDARD: Will sich die FH auch im Bereich der Forschung mehr positionieren?

Blechinger: Ja, das wird sie künftig auch stärker. Wir müssen aber der Situation ins Auge schauen, dass die Forschungsfinanzierung in Österreich stark auf die Universitäten fokussiert ist. Ein Blick ins Ausland würde zeigen, dass die angewandte Forschung der FHs für die Industrie sehr interessant ist. Fachhochschulen könnten in der angewandten Forschung auch mit den Unis mithalten. Diese Forschung erfordert typischerweise eine starke Industrie und einen starken Mittelstand, und beides hat Österreich. An den Partnern würde es nicht mangeln. Aber man darf nicht glauben, dass das nur drittmittelfinanziert funktioniert.

STANDARD: Braucht es da ein Umdenken in der Bundesregierung?

Blechinger: Ganz genau, so ist es.

STANDARD: Wie stehen Sie zu der Forderung, dass es an FHs ein Doktorat geben soll?

Blechinger: Für einen guten Lehrbetrieb brauchen wir einen starken Mittelbau. Ein Mittelbau, der nachhaltig an einer Hochschule etabliert werden soll, braucht eine Promotionsmöglichkeit. Promotionen, wo immer sie stattfinden, müssen auf dem Niveau heutiger Promotionen stattfinden. Dafür braucht es ein paar Hausaufgaben an den Fachhochschulen. Auch nicht jede Promotion an Universitäten ist frei von der Frage nach der Qualität. Meine Prognose ist, dass sich die Promotion an der Fachhochschule mittelfristig durchsetzen wird.

STANDARD: Nur 2,9 Prozent der Studienanfänger bei Uni-Master-Lehrgängen sind FH-Absolventen. Sollte die Durchlässigkeit im tertären Sektor gesteigert werden?

Blechinger: In den Kernbereichen der Akademia dauern Innovationen oftmals länger, als man denkt. Der Dr.-Ing. (Doktor-Ingenieur) ist Ende des vorvergangenen Jahrhunderts eingeführt worden, der Bindestrich dazwischen wurde als Makel gesehen. Dieser Makel hat sich ausgewachsen. Der Makel, aus einer FH zu kommen, hat sich auch schon ausgewachsen, nur nicht jeder hat es gemerkt. (Stefanie Ruep, DER STANDARD, 11.4.2015)

Gerhard Blechinger (50) ist am 11. März zum neuen Rektor der FH Salzburg gewählt worden, im Oktober wird er sein Amt antreten. Seit 2011 war er Leiter des Studiengangs Multimedia-Art. Zuvor war er zehn Jahre lang in der Schweiz tätig, darunter auch als Vizerektor der jetzigen Züricher Hochschule der Künste.

  • Weil sich die jungen Leute in den nächsten dreißig Jahren beruflich mehrfach neu erfinden müssen, setzt FH-Rektor Gerhard Blechinger auf Unternehmertum.
    foto: fh salzburg

    Weil sich die jungen Leute in den nächsten dreißig Jahren beruflich mehrfach neu erfinden müssen, setzt FH-Rektor Gerhard Blechinger auf Unternehmertum.

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