Wort der Woche: Grapschen

11. April 2015, 17:00
20 Postings

Einst zählte es zu den Attributen der Verwegenen, heute wird es strafverfolgt: das Grapschen

Das Grapschen ist übel beleumundet. Selbst Freundinnen und Freunden des Quickies ist es zu kurzlebig. Und trotz vermeintlich libidinösen Antriebs umweht es die Aura der Genussfeindlichkeit. Zu egoistisch sei es. Kaum habe es begonnen, sei es schon wieder vorbei.

Ihren Ursprung hat diese Handgreiflichkeit im Zwielichtigen. Etwas grapschen (auch die friedhofsnahe Version "grabschen" ist geläufig), beschreibt ein rasches Ergreifen von etwas, das einem ohne das Moment der Überraschung nicht gelänge, weil es einem nicht unmittelbar zusteht. Als forsch oder gar verwegen galten Grapscherinnen und Grapscher. Doch längst wurde das ephemer einseitige und so entfernt ans Onanistische erinnernde Grapschen ins Kriminal verbannt.

Das müsste nicht sein, wenn derlei sittsam Wankelmütige sich vorab beim Subjekt ihres Verlangens nach der Akzeptanz ihres Vorhaben erkundigen würden, aber das nehme ja der Handlung ihren Reiz. Blöde Sache.

Höhere Kooperationswilligkeit gegenüber dieserart anlassigen Damen und Herren bestünde, hätten sich Adam und Eva nicht einen Apfel, sondern eine Grapschfrucht (auf Englisch zirka Grapefruit) gekrallt und so ihr Ja zur Verführung bekundet. Aber vielleicht liegt in diesem Versäumnis die (Er)lösung für latent dem Grapschen erliegende Luder und Luden. Vielleicht sollten sie Früchte mit sich führen und in Momenten der Schwäche stellvertretend diese (aus)greifen.

Aber zugegeben, das ist ein wenig, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. (flu, DER STANDARD, 11/12..4.2015)

  • Artikelbild
    foto: reuters
Share if you care.