Syrien: Flüchtlingslager Yarmuk entwickelt sich laut UNO zu "Todeslager"

10. April 2015, 16:17
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UNO-Generalsekretär spricht von "tiefster Hölle" – Rotes Kreuz: Menschen brauchen sofort Hilfe

Damaskus / New York - Eine "humanitäre Katastrophe von epischem Ausmaß" finde derzeit im Flüchtlingslager Yarmuk statt. So beschreibt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Lage in dem am Rande der Hauptstadt Damaskus liegenden Flüchtlingscamp, das sich mittlerweile zu einem Stadtteil entwickelt hat. "Im syrischen Horror ist das Flüchtlingslager Yarmuk die tiefste Hölle", sagte Ban am Donnerstag vor Journalisten in New York. Es erinnere immer mehr an ein "Todeslager", in dem die Bewohner, darunter rund 3500 Kinder, als "menschliche Schutzschilde" missbraucht würden.

Ban forderte, dass die Situation dringend stabilisiert werde. "Wir können nicht einfach dastehen und zusehen, wie sich ein Massaker zuträgt. Wir dürfen die Menschen in Yarmuk nicht aufgeben." Auch die EU warnte vor einem drohenden Massaker: Die Lage hätte sich "von schlecht zu noch schlimmer" entwickelt, hieß es in einer Erklärung der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini und des zuständigen EU-Kommissars Christos Stylianides.

Nach Angaben der oppositionellen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London hat die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Yarmuk in den vergangenen Tagen fast zur Gänze eingenommen. Am Freitag hieß es jedoch nach Gefechten zwischen palästinensischen Milizen, syrischen Regimetruppen und der IS aus palästinensischen Milizkreisen, dass die Extremisten nur noch rund ein Drittel des Lagers kontrollierten. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.

PLO will sich nicht beteiligen

Berichte, wonach sich Kämpfer der palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) an dem Einsatz in Yarmuk beteiligen würden, wurden dementiert. In einer Mitteilung aus Ramallah hieß es am Freitag, die PLO wolle verhindern, dass die Palästinenser in den Bürgerkrieg hineingezogen werden. Zuvor hatte der PLO-Abgesandte Ahmed Majdalani gesagt, die Palästinenser wollten mit der syrischen Armee kooperieren, um die IS aus dem Lager zu vertreiben.

Die in Yarmuk zurückgebliebenen rund 16.000 Bewohner bleiben von der Versorgung fast vollständig abgeschnitten. Das Internationale Rote Kreuz forderte bereits einen sofortigen Zugang, um humanitäre Hilfe liefern zu können. Die Bewohner litten unter ständigem Nahrungsmangel, sagte die Leiterin der Syrien-Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Es fehlten vor allem Wasser und Medikamente, die Menschen bräuchten sofort Hilfe.

In Yarmuk leben hauptsächlich Flüchtlinge des Arabisch-Israelischen Krieges 1948 und deren Nachkommen. Vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 waren es rund 150.000. Seit dem Sommer 2013 ist Yarmuk Schauplatz heftiger Gefechte und praktisch vollständig durch die Armee abgeriegelt. Im Juni 2014 wurde die Blockade nach einer Einigung zwischen den Konfliktparteien gelockert, doch seit Beginn der Kämpfe mit den Jihadisten gelangen keine Hilfslieferungen mehr in das Viertel. (red, DER STANDARD, 11.4.2015)

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