Im Clinch mit dem Lebenszwerg

9. April 2015, 18:11
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Claus Peymann rechnet mit Berlins Kulturverwaltung ab

Wien - Immer unzufriedener zeigt sich Claus Peymann (77) mit seiner kulturellen Heimatstadt Berlin. Der noch bis Juli 2017 amtierende Intendant des Berliner Ensembles findet in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit scharfe Worte: "Die Deppen, die die Literatur zerstört haben, zerstören jetzt das Theater." Überraschenderweise schließt Peymann auch Elfriede Jelinek in seine Philippika ein. Er sei "mal sehr mit ihr befreundet" gewesen. Inzwischen habe die österreichische Nobelpreisträgerin "die Fantasie, die Fiktion, das große Geheimnis des Theaters völlig aufgegeben, sie schüttet nur noch den Sprachmüll der Zeit auf der Bühne aus."

"Vollständiger Dilettantismus" bestimme laut Peymann, was in den nächsten 20 Jahren an den Berliner Theatern geschieht. Ein scharlachrotes Tuch ist für den Ex-Burgchef Tim Renner, der amtierende Kulturstaatssekretär. Anstoß nimmt Peymann an der möglichen Bestellung des Museumsleiters Chris Dercon zum Nachfolger Frank Castorfs an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Renner, ein ehemaliger Musikmanager, sei laut Peymann "jung, frisch, ein bisserl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhythmus aus." Das Fazit Peymanns nach einer offenbar unfruchtbaren persönlichen Begegnung: "Keinerlei Geschichtsbewusstsein, kein Hintergrund. Da können Sie genauso gut mit dem Pförtner sprechen." Und: "Man sitzt einem leeren, netten weißen Hemd gegenüber." Mit einem Wort: "ein Lebenszwerg."

Voller Verve fordert Peymann "Leute, die Sachkenntnis und Liebe zur Kunst haben", als künftige Kulturverwalter. "Die Umwelt wird nicht nur durch Atomkraftwerke zerstört, sondern auch durch Leute wie Renner." Kultursenator Müller sei um nichts besser.

Was die Zukunft des Berliner Ensembles angeht, nimmt Peymann eine Kehrtwendung vor: "Ich glaube, es war ein Fehler, die Intendanz des BE mit Oliver Reese zu besetzen - er wird was sehr Ähnliches machen wie das, was Khuon schon am Deutschen Theater macht. Und das DT ist doch ein wenig langweilig geworden." (Ronald Pohl, DER STANDARD, 10.4.2015)

  • Claus Peymann liest der Berliner Kulturverwaltung die Leviten. Feindbild ist der Staatssekretär.
    foto: apa/dpa/hanschke

    Claus Peymann liest der Berliner Kulturverwaltung die Leviten. Feindbild ist der Staatssekretär.

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