Franz Koglmann: Kammermusik des dritten Weges

Gespräch9. April 2015, 17:59
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Komponist Franz Koglmann über Jazzklischees, Musicals und seine Personale

Wien - Join!, Franz Koglmanns letztes Musiktheaterwerk, ist da und dort (auch in diesem Medium) nicht nur mit Komplimenten überschüttet worden. Koglmann hingegen "hat das Schreiben größtes Vergnügen bereitet! Ich habe es geliebt, auch triviale Elemente zu verwenden, etwas zu machen, was halb Revue, halb Musical ist - damit sich manche grün und blau ärgern!", lacht Koglmann, um dann doch gewisse Grenzen zu ziehen.

"Total gegen Musical bin ich zwar nicht. Wenn man mich fragte, eines zu schreiben, würde ich nicht prinzipiell Nein sagen. Aber man müsste sich darüber unterhalten, was das eigentlich sein sollte. Es gibt gute Werke. Aber auch unsäglichen Kitsch, das würde ich nie machen!", so der Wiener, der seine Musik doch am liebsten mit dem nobel-sperrigen Begriff "Third Stream" in Verbindung gebracht sehen möchte. Mit jener Strömung also, die in den 1950ern US-Komponist Gunther Schuller im Sinne einer Verbindung von europäischer Klassik und Jazz forcierte.

"Bei mir war die Kombination naheliegend. Ich kam von der Klassik und landete dann beim Jazz. Ich habe zuerst Fatty George im Radio gehört, hab mich dann in seinen Club geschlichen und musste aufpassen, nicht von der Polizei erwischt zu werden. Ich war noch sehr jung."

Irgendwann, als Koglmann begann, die Musik durch die berufliche Brille zu betrachten, muss er sich allerdings gefragt haben, was er "eigentlich mit dem ganzen Zeug, das ich gemacht und gehört habe, nun anstellen soll. Werde ich ein Mainstream-Epigone? Werde ich Free-Jazz-Epigone? Meine Idee war: Ich packe das meiner Entwicklung gemäß an. Also Jazz plus Klassik. Es gibt da ein jüdisches Sprichwort: ,Wenn du vor zwei Alternativen stehst, wähle die dritte!'"

Das sei "eine gute Definition von Third Stream. Der Stil hat sich seinerzeit aber nicht durchgesetzt, da er, so meine These, vom Free Jazz überrollt wurde. Schuller kam zu früh." Später hätten auch Avantgardejazzer wie Saxofonist Anthony Braxton damit angefangen, "nur hat man das nicht Third Stream genannt".

Überschätztes Detail

Koglmanns Nähe zum Third Stream hatte "auch mit einer Bauchentscheidung" und also auch mit seinem Selbstverständnis zu tun. Er sieht sich als Komponist, der auch gerne improvisiert. Nicht umgekehrt. Die Improvisation im Jazz möchte er zwar nicht missen. Er sieht sie seit langem aber mit Klischees behaftet und als überschätzten Detailaspekt des Genres. "Das Kompositorische war von Anfang an im Jazz drin, wurde aber nicht ausreichend beachtet. Wenn man nur ein Count-Basie-Arrangement hört, bei dem nicht improvisiert wird, ist das doch auch Jazz!"

Koglmann legt aber auch Wert auf eine gewisse Distanz zu sogenannter zeitgenössischer Musik europäischer Prägung. "Viele Junge wollen nur klingen wie Boulez, es ist so dogmatisch. Mir hat eher die André-Previn-Oper A Streetcar Named Desire gefallen. In Europa gibt es eingefahrene Vorstellungen von Oper."

Wie offen Koglmanns Kunst ist, kann Freitag bis Sonntag im Porgy & Bess erlauscht werden. Der Trompeter ist in Duos und Trios zu hören, aber auch in größeren Formationen wie dem exxj von Peter Burwik und im Pipetet, das stolzen 30. Geburtstag feiert. Viel gab es denn auch zu proben, und mühsam war die Suche nach Material: "Die alten Noten zu suchen ist ein Horror, man weiß oft nur ungefähr, wo das in Kästen liegt", so Koglmann, der aber offenbar reichlich Material fand.

Es muss schließlich "auch an den Konzerttagen geprobt werden", womit sich auch die Frage nach dem menschlichen Faktor beim Musizieren stellt. Koglmann: "Es muss menschlich und musikalisch passen. Ich habe noch nie erlebt, dass, wenn einem jemand auf den Wecker geht, die Sache länger gutgegangen ist." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 10.4.2015)

  • Ab Freitag an drei Abenden im Porgy & Bess: Franz Koglmann.

    Ab Freitag an drei Abenden im Porgy & Bess: Franz Koglmann.

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